Lupus alpha

Anleger sollten ihr Depot nicht vorschnell deglobalisieren

Der weltweite Trend zur Deglobalisierung droht sich auch in den Anlegerdepots niederzuschlagen, in denen ohnehin traditionell ein "Home Bias" besteht. Wie in der Politik ist die Konzentration auf nationale Interessen und Investitionsmöglichkeiten auch in der Kapitalanlage nicht sinnvoll. Wer autokratisch geführte Länder generell als „nicht investierbar“ einstuft, nimmt sich die Chancen internationaler Streuung. Zudem ergeben sich gerade in einer weniger verflochtenen Weltwirtschaft Diversifikationsvorteile für Anleger.

Ralf Lochmüller, Gründungspartner und CEO von Lupus alpha

Pandemie und Ukraine-Krieg haben den seit Jahren laufenden Trend zur Deglobalisierung massiv beschleunigt. Vor allem China steht derzeit auf dem Prüfstand: Die Angst vor einer zu großen Abhängigkeit vom asiatischen Riesen ist groß, insbesondere vor dem Hintergrund einer möglichen Eskalation im Konflikt mit Taiwan. Betrachtet man die hohen Direktinvestitionen deutscher Unternehmen in China - 2021 machten deutsche Investitionen (VW sei Dank) 46 Prozent des gesamten europäischen Investitionsvolumens in China aus1 - sind diese Befürchtungen absolut angebracht. Wenn selbst der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) Siegfried Russwurm sagt:

"Alle Eier in einen Korb zu legen, ist nie eine gute Idee",

dann ist es höchste Zeit, über eine bessere Streuung nachzudenken. Die Finanzwelt ist in Sachen Diversifikation zwar von Haus aus einen Schritt weiter. Aber auch unter erfahrenen Kapitalanlegern haben die aktuellen Krisen, der starke Zinsanstieg in den USA, Rezessionsängste und Marktturbulenzen bereits zu übereilten Anlageentscheidungen geführt. Dass Investoren sich aus Russland zurückgezogen und Investmentgesellschaften ihre Russland- und Osteuropa-Fonds geschlossen haben, ist klar und richtig. Dass sich zunehmend mehr Investoren aus Emerging Markets Investments generell zurückziehen, halte ich jedoch für übereilt. Nach Schätzungen des Institute of International Finance (IIF) haben Investoren seit März weltweit fast 40 Mrd. US-Dollar aus Schwellenmarktanlagen abgezogen. Allein im Juli beliefen sich die Abflüsse aus Anleihen und Aktien der Schwellenländer auf 9,8 Mrd. US-Dollar. Das klingt nach Panik und wird dem vielfältigen Anlageuniversum, das ökonomisch sehr unterschiedlich aufgestellte Länder wie etwa auch Indien, Vietnam oder Indonesien umfasst, nicht gerecht.

Außerdem verschärft dieser Rückzug den ohnehin starken "Home Bias" in den Anlegerdepots.

Vor allem deutsche Investoren legen übermäßig große Teile ihres Kapitals am Heimatmarkt an. Gemäß einer Studie der Frankfurt School of Finance im Auftrag von Nomura Asset Management gewichten institutionelle Anleger in Deutschland Aktien aus Deutschland und Europa in ihren Portfolios deutlich höher als es ein international diversifiziertes Portfolio implizieren würde, und zwar um rund 33 Prozentpunkte! Asien wird in den institutionellen Portfolios dagegen deutlich untergewichtet, auch weil Risiken systematisch überschätzt werden, so die Studie.

Die Deglobalisierung schlägt sich also auch zunehmend in den Anlegerdepots nieder. Zugegeben, wir erleben gerade Zeiten hoher politischer Unsicherheit. Und dass sowohl von Unternehmen als auch von Investoren hinterfragt wird, mit wem man überhaupt Geschäfte machen will bzw. in welchen Ländern man investieren kann, ist verständlich. Die Zeiten geopolitischer Blindheit sind vorbei. Die Risiken der Zusammenarbeit mit mächtigen Diktaturen werden nicht mehr wie in der Vergangenheit ignoriert, sondern offen diskutiert und neu bewertet. Eine neue Nüchternheit ist eingekehrt - bei Politikern, Unternehmen und Investoren gleichermaßen - und das ist gut so.

Das sollte aber nicht so weit gehen, dass autokratisch geführte Länder generell von der Handels- bzw. Investitionslandkarte gestrichen werden.

Etwas ketzerisch könnte man auch sagen: Sie fahren ja auch nach wie vor in die Türkei in den Urlaub, beziehen Ihr neues Smartphone aus China oder sind während der Ära Trump in die USA gereist. Nein, im Ernst: "Friend-Shoring", also der Handel mit ausschließlich befreundeten Staaten, ist schon in der Realwirtschaft fragwürdig, in der Kapitalanlage ist dieser Ansatz jedoch in jedem Fall nicht empfehlenswert, führt er doch zu begrenzter Diversifikation und zu suboptimalen Anlageergebnissen. Zumal demokratisch geführte Staaten weltweit inzwischen in der Minderheit sind. Viel sinnvoller ist es stattdessen, selektiv zu investieren bzw. investiert zu bleiben, die Entwicklung in den betreffenden Ländern genau zu beobachten, den Dialog zu stärken und zu versuchen, auf diesem Wege gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen - was übrigens auch im Sinne des "S" in ESG ist.

Daher sollten sich Unternehmen wie Investoren auch nicht von China abwenden.

China wird eine wichtige Volkswirtschaft bleiben - Taiwan hin oder her. Zudem ist China der zweitgrößte Aktienmarkt der Welt mit einem Börsenwert von fast 18 Billionen US-Dollar und knapp 5.900 gelisteten Aktien. Wir sollten uns darauf einstellen, dass China bei der weiteren technologischen Entwicklung und auch beim Klimaschutz global eine wichtige Rolle einnehmen wird. Insofern ist eine kritische Beobachtung der Regierung in Peking sowie eine Kooperation ohne zu große Abhängigkeit ein guter Kompromiss - und zugleich eine solide Grundlage für das etwaige Wiederaufleben engerer Beziehungen. Und wie schnell sich die Zeiten ändern können, hat uns die Energiekrise gerade vor Augen geführt. Wirtschaftsminister Robert Habeck und Bundeskanzler Olaf Scholz hätten sich vor ihrem Regierungsantritt vermutlich auch nicht vorstellen können, dass sie mal in Ländern wie Katar, Saudi-Arabien oder den VAE als "Bittsteller" für weitere Gaslieferungen auftreten würden...

Kommen wir nochmal zurück auf das Thema Diversifikation. Anleger sollten sich auch in politisch unsicheren Zeiten nicht die Diversifikationsvorteile einer globalen Aktienanlage nehmen. Und tatsächlich bietet eine geringere Verflechtung der Weltwirtschaft Anlegern sogar Vorteile. Denn wenn Staaten und Unternehmen ihre Produktionsstandorte und Lieferketten stärker diversifizieren, teilweise näher an sich heranholen und ihre Volkswirtschaften sich somit unterschiedlich entwickeln, könnte dies auch den regionalen Gleichlauf von Investments, also die Korrelationen internationaler Aktienmärkte, reduzieren – was bedeutet, dass Diversifikationsvorteile steigen.

Eine breite Portfoliokonstruktion ist und bleibt der beste Weg zum Erfolg.

Das hat die Investoren-Legende David Swensen schon bewiesen, das setzt auch sein Schüler Robert Wallace beim Management des Stiftungsvermögens der Stanford University erfolgreich fort. Sein Schlüssel zum Anlageerfolg: Erstens, definieren Sie Ihre strategische Vermögensverteilung und halten Sie daran fest. Zweitens, investieren Sie global mit einer konsequent hohen Aktienquote. Und drittens, stellen Sie die einmal definierte Zielallokation im Portfolio regelmäßig wieder her. Abgesehen von dem zuletzt genannten wichtigen Aspekt des Rebalancing besagt Wallace' Anlagephilosophie vor allem eines: Die strategische Asset Allocation sollte man nicht leichtfertig zugunsten kurzfristiger politischer Entwicklungen über den Haufen werfen.

Damit will ich nicht sagen, dass man Risiken ignorieren bzw. aussitzen sollte - im Gegenteil.

Ein sauberes Risikomanagement ist in diesen Zeiten das A und O. Und gerade ein international gemischtes Portfolio sollte immer auf einem umfassenden Länderresearch sowie auf der sorgfältigen Analyse von Fundamentaldaten basieren. Und noch eines ist unerlässlich: Anleger sollten dabei auf aktives Management setzen. Denn nur ein aktiver Manager ist in der Lage, die aussichtsreichsten Einzelländer und Unternehmen zu selektieren und außerdem möglichst zeitnah auf sich verändernde Rahmenbedingungen zu reagieren.

Blauäugig sollte heute niemand mehr im Ausland investieren – seien es Industrieländer oder Emerging Markets. Aber politisch fragwürdige Länder von vornherein zu verteufeln, ist keine gute Lösung.


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1 Quelle: Rhodium Group

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Anleger sollten ihr Depot nicht vorschnell deglobalisieren

Der weltweite Trend zur Deglobalisierung droht sich auch in den Anlegerdepots niederzuschlagen, in denen ohnehin traditionell ein "Home Bias" besteht. Wie in der Politik ist die Konzentration auf nationale Interessen und Investitionsmöglichkeiten auch in der Kapitalanlage nicht sinnvoll. Wer autokratisch geführte Länder generell als „nicht investierbar“ einstuft, nimmt sich die Chancen internationaler Streuung. Zudem ergeben sich gerade in einer weniger verflochtenen Weltwirtschaft Diversifikationsvorteile für Anleger.

Ralf Lochmüller, Gründungspartner und CEO von Lupus alpha

Pandemie und Ukraine-Krieg haben den seit Jahren laufenden Trend zur Deglobalisierung massiv beschleunigt. Vor allem China steht derzeit auf dem Prüfstand: Die Angst vor einer zu großen Abhängigkeit vom asiatischen Riesen ist groß, insbesondere vor dem Hintergrund einer möglichen Eskalation im Konflikt mit Taiwan. Betrachtet man die hohen Direktinvestitionen deutscher Unternehmen in China - 2021 machten deutsche Investitionen (VW sei Dank) 46 Prozent des gesamten europäischen Investitionsvolumens in China aus1 - sind diese Befürchtungen absolut angebracht. Wenn selbst der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) Siegfried Russwurm sagt:

"Alle Eier in einen Korb zu legen, ist nie eine gute Idee",

dann ist es höchste Zeit, über eine bessere Streuung nachzudenken. Die Finanzwelt ist in Sachen Diversifikation zwar von Haus aus einen Schritt weiter. Aber auch unter erfahrenen Kapitalanlegern haben die aktuellen Krisen, der starke Zinsanstieg in den USA, Rezessionsängste und Marktturbulenzen bereits zu übereilten Anlageentscheidungen geführt. Dass Investoren sich aus Russland zurückgezogen und Investmentgesellschaften ihre Russland- und Osteuropa-Fonds geschlossen haben, ist klar und richtig. Dass sich zunehmend mehr Investoren aus Emerging Markets Investments generell zurückziehen, halte ich jedoch für übereilt. Nach Schätzungen des Institute of International Finance (IIF) haben Investoren seit März weltweit fast 40 Mrd. US-Dollar aus Schwellenmarktanlagen abgezogen. Allein im Juli beliefen sich die Abflüsse aus Anleihen und Aktien der Schwellenländer auf 9,8 Mrd. US-Dollar. Das klingt nach Panik und wird dem vielfältigen Anlageuniversum, das ökonomisch sehr unterschiedlich aufgestellte Länder wie etwa auch Indien, Vietnam oder Indonesien umfasst, nicht gerecht.

Außerdem verschärft dieser Rückzug den ohnehin starken "Home Bias" in den Anlegerdepots.

Vor allem deutsche Investoren legen übermäßig große Teile ihres Kapitals am Heimatmarkt an. Gemäß einer Studie der Frankfurt School of Finance im Auftrag von Nomura Asset Management gewichten institutionelle Anleger in Deutschland Aktien aus Deutschland und Europa in ihren Portfolios deutlich höher als es ein international diversifiziertes Portfolio implizieren würde, und zwar um rund 33 Prozentpunkte! Asien wird in den institutionellen Portfolios dagegen deutlich untergewichtet, auch weil Risiken systematisch überschätzt werden, so die Studie.

Die Deglobalisierung schlägt sich also auch zunehmend in den Anlegerdepots nieder. Zugegeben, wir erleben gerade Zeiten hoher politischer Unsicherheit. Und dass sowohl von Unternehmen als auch von Investoren hinterfragt wird, mit wem man überhaupt Geschäfte machen will bzw. in welchen Ländern man investieren kann, ist verständlich. Die Zeiten geopolitischer Blindheit sind vorbei. Die Risiken der Zusammenarbeit mit mächtigen Diktaturen werden nicht mehr wie in der Vergangenheit ignoriert, sondern offen diskutiert und neu bewertet. Eine neue Nüchternheit ist eingekehrt - bei Politikern, Unternehmen und Investoren gleichermaßen - und das ist gut so.

Das sollte aber nicht so weit gehen, dass autokratisch geführte Länder generell von der Handels- bzw. Investitionslandkarte gestrichen werden.

Etwas ketzerisch könnte man auch sagen: Sie fahren ja auch nach wie vor in die Türkei in den Urlaub, beziehen Ihr neues Smartphone aus China oder sind während der Ära Trump in die USA gereist. Nein, im Ernst: "Friend-Shoring", also der Handel mit ausschließlich befreundeten Staaten, ist schon in der Realwirtschaft fragwürdig, in der Kapitalanlage ist dieser Ansatz jedoch in jedem Fall nicht empfehlenswert, führt er doch zu begrenzter Diversifikation und zu suboptimalen Anlageergebnissen. Zumal demokratisch geführte Staaten weltweit inzwischen in der Minderheit sind. Viel sinnvoller ist es stattdessen, selektiv zu investieren bzw. investiert zu bleiben, die Entwicklung in den betreffenden Ländern genau zu beobachten, den Dialog zu stärken und zu versuchen, auf diesem Wege gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen - was übrigens auch im Sinne des "S" in ESG ist.

Daher sollten sich Unternehmen wie Investoren auch nicht von China abwenden.

China wird eine wichtige Volkswirtschaft bleiben - Taiwan hin oder her. Zudem ist China der zweitgrößte Aktienmarkt der Welt mit einem Börsenwert von fast 18 Billionen US-Dollar und knapp 5.900 gelisteten Aktien. Wir sollten uns darauf einstellen, dass China bei der weiteren technologischen Entwicklung und auch beim Klimaschutz global eine wichtige Rolle einnehmen wird. Insofern ist eine kritische Beobachtung der Regierung in Peking sowie eine Kooperation ohne zu große Abhängigkeit ein guter Kompromiss - und zugleich eine solide Grundlage für das etwaige Wiederaufleben engerer Beziehungen. Und wie schnell sich die Zeiten ändern können, hat uns die Energiekrise gerade vor Augen geführt. Wirtschaftsminister Robert Habeck und Bundeskanzler Olaf Scholz hätten sich vor ihrem Regierungsantritt vermutlich auch nicht vorstellen können, dass sie mal in Ländern wie Katar, Saudi-Arabien oder den VAE als "Bittsteller" für weitere Gaslieferungen auftreten würden...

Kommen wir nochmal zurück auf das Thema Diversifikation. Anleger sollten sich auch in politisch unsicheren Zeiten nicht die Diversifikationsvorteile einer globalen Aktienanlage nehmen. Und tatsächlich bietet eine geringere Verflechtung der Weltwirtschaft Anlegern sogar Vorteile. Denn wenn Staaten und Unternehmen ihre Produktionsstandorte und Lieferketten stärker diversifizieren, teilweise näher an sich heranholen und ihre Volkswirtschaften sich somit unterschiedlich entwickeln, könnte dies auch den regionalen Gleichlauf von Investments, also die Korrelationen internationaler Aktienmärkte, reduzieren – was bedeutet, dass Diversifikationsvorteile steigen.

Eine breite Portfoliokonstruktion ist und bleibt der beste Weg zum Erfolg.

Das hat die Investoren-Legende David Swensen schon bewiesen, das setzt auch sein Schüler Robert Wallace beim Management des Stiftungsvermögens der Stanford University erfolgreich fort. Sein Schlüssel zum Anlageerfolg: Erstens, definieren Sie Ihre strategische Vermögensverteilung und halten Sie daran fest. Zweitens, investieren Sie global mit einer konsequent hohen Aktienquote. Und drittens, stellen Sie die einmal definierte Zielallokation im Portfolio regelmäßig wieder her. Abgesehen von dem zuletzt genannten wichtigen Aspekt des Rebalancing besagt Wallace' Anlagephilosophie vor allem eines: Die strategische Asset Allocation sollte man nicht leichtfertig zugunsten kurzfristiger politischer Entwicklungen über den Haufen werfen.

Damit will ich nicht sagen, dass man Risiken ignorieren bzw. aussitzen sollte - im Gegenteil.

Ein sauberes Risikomanagement ist in diesen Zeiten das A und O. Und gerade ein international gemischtes Portfolio sollte immer auf einem umfassenden Länderresearch sowie auf der sorgfältigen Analyse von Fundamentaldaten basieren. Und noch eines ist unerlässlich: Anleger sollten dabei auf aktives Management setzen. Denn nur ein aktiver Manager ist in der Lage, die aussichtsreichsten Einzelländer und Unternehmen zu selektieren und außerdem möglichst zeitnah auf sich verändernde Rahmenbedingungen zu reagieren.

Blauäugig sollte heute niemand mehr im Ausland investieren – seien es Industrieländer oder Emerging Markets. Aber politisch fragwürdige Länder von vornherein zu verteufeln, ist keine gute Lösung.


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Anleger sollten ihr Depot nicht vorschnell deglobalisieren

Der weltweite Trend zur Deglobalisierung droht sich auch in den Anlegerdepots niederzuschlagen, in denen ohnehin traditionell ein "Home Bias" besteht. Wie in der Politik ist die Konzentration auf nationale Interessen und Investitionsmöglichkeiten auch in der Kapitalanlage nicht sinnvoll. Wer autokratisch geführte Länder generell als „nicht investierbar“ einstuft, nimmt sich die Chancen internationaler Streuung. Zudem ergeben sich gerade in einer weniger verflochtenen Weltwirtschaft Diversifikationsvorteile für Anleger.

Ralf Lochmüller, Gründungspartner und CEO von Lupus alpha

Pandemie und Ukraine-Krieg haben den seit Jahren laufenden Trend zur Deglobalisierung massiv beschleunigt. Vor allem China steht derzeit auf dem Prüfstand: Die Angst vor einer zu großen Abhängigkeit vom asiatischen Riesen ist groß, insbesondere vor dem Hintergrund einer möglichen Eskalation im Konflikt mit Taiwan. Betrachtet man die hohen Direktinvestitionen deutscher Unternehmen in China - 2021 machten deutsche Investitionen (VW sei Dank) 46 Prozent des gesamten europäischen Investitionsvolumens in China aus1 - sind diese Befürchtungen absolut angebracht. Wenn selbst der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) Siegfried Russwurm sagt:

"Alle Eier in einen Korb zu legen, ist nie eine gute Idee",

dann ist es höchste Zeit, über eine bessere Streuung nachzudenken. Die Finanzwelt ist in Sachen Diversifikation zwar von Haus aus einen Schritt weiter. Aber auch unter erfahrenen Kapitalanlegern haben die aktuellen Krisen, der starke Zinsanstieg in den USA, Rezessionsängste und Marktturbulenzen bereits zu übereilten Anlageentscheidungen geführt. Dass Investoren sich aus Russland zurückgezogen und Investmentgesellschaften ihre Russland- und Osteuropa-Fonds geschlossen haben, ist klar und richtig. Dass sich zunehmend mehr Investoren aus Emerging Markets Investments generell zurückziehen, halte ich jedoch für übereilt. Nach Schätzungen des Institute of International Finance (IIF) haben Investoren seit März weltweit fast 40 Mrd. US-Dollar aus Schwellenmarktanlagen abgezogen. Allein im Juli beliefen sich die Abflüsse aus Anleihen und Aktien der Schwellenländer auf 9,8 Mrd. US-Dollar. Das klingt nach Panik und wird dem vielfältigen Anlageuniversum, das ökonomisch sehr unterschiedlich aufgestellte Länder wie etwa auch Indien, Vietnam oder Indonesien umfasst, nicht gerecht.

Außerdem verschärft dieser Rückzug den ohnehin starken "Home Bias" in den Anlegerdepots.

Vor allem deutsche Investoren legen übermäßig große Teile ihres Kapitals am Heimatmarkt an. Gemäß einer Studie der Frankfurt School of Finance im Auftrag von Nomura Asset Management gewichten institutionelle Anleger in Deutschland Aktien aus Deutschland und Europa in ihren Portfolios deutlich höher als es ein international diversifiziertes Portfolio implizieren würde, und zwar um rund 33 Prozentpunkte! Asien wird in den institutionellen Portfolios dagegen deutlich untergewichtet, auch weil Risiken systematisch überschätzt werden, so die Studie.

Die Deglobalisierung schlägt sich also auch zunehmend in den Anlegerdepots nieder. Zugegeben, wir erleben gerade Zeiten hoher politischer Unsicherheit. Und dass sowohl von Unternehmen als auch von Investoren hinterfragt wird, mit wem man überhaupt Geschäfte machen will bzw. in welchen Ländern man investieren kann, ist verständlich. Die Zeiten geopolitischer Blindheit sind vorbei. Die Risiken der Zusammenarbeit mit mächtigen Diktaturen werden nicht mehr wie in der Vergangenheit ignoriert, sondern offen diskutiert und neu bewertet. Eine neue Nüchternheit ist eingekehrt - bei Politikern, Unternehmen und Investoren gleichermaßen - und das ist gut so.

Das sollte aber nicht so weit gehen, dass autokratisch geführte Länder generell von der Handels- bzw. Investitionslandkarte gestrichen werden.

Etwas ketzerisch könnte man auch sagen: Sie fahren ja auch nach wie vor in die Türkei in den Urlaub, beziehen Ihr neues Smartphone aus China oder sind während der Ära Trump in die USA gereist. Nein, im Ernst: "Friend-Shoring", also der Handel mit ausschließlich befreundeten Staaten, ist schon in der Realwirtschaft fragwürdig, in der Kapitalanlage ist dieser Ansatz jedoch in jedem Fall nicht empfehlenswert, führt er doch zu begrenzter Diversifikation und zu suboptimalen Anlageergebnissen. Zumal demokratisch geführte Staaten weltweit inzwischen in der Minderheit sind. Viel sinnvoller ist es stattdessen, selektiv zu investieren bzw. investiert zu bleiben, die Entwicklung in den betreffenden Ländern genau zu beobachten, den Dialog zu stärken und zu versuchen, auf diesem Wege gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen - was übrigens auch im Sinne des "S" in ESG ist.

Daher sollten sich Unternehmen wie Investoren auch nicht von China abwenden.

China wird eine wichtige Volkswirtschaft bleiben - Taiwan hin oder her. Zudem ist China der zweitgrößte Aktienmarkt der Welt mit einem Börsenwert von fast 18 Billionen US-Dollar und knapp 5.900 gelisteten Aktien. Wir sollten uns darauf einstellen, dass China bei der weiteren technologischen Entwicklung und auch beim Klimaschutz global eine wichtige Rolle einnehmen wird. Insofern ist eine kritische Beobachtung der Regierung in Peking sowie eine Kooperation ohne zu große Abhängigkeit ein guter Kompromiss - und zugleich eine solide Grundlage für das etwaige Wiederaufleben engerer Beziehungen. Und wie schnell sich die Zeiten ändern können, hat uns die Energiekrise gerade vor Augen geführt. Wirtschaftsminister Robert Habeck und Bundeskanzler Olaf Scholz hätten sich vor ihrem Regierungsantritt vermutlich auch nicht vorstellen können, dass sie mal in Ländern wie Katar, Saudi-Arabien oder den VAE als "Bittsteller" für weitere Gaslieferungen auftreten würden...

Kommen wir nochmal zurück auf das Thema Diversifikation. Anleger sollten sich auch in politisch unsicheren Zeiten nicht die Diversifikationsvorteile einer globalen Aktienanlage nehmen. Und tatsächlich bietet eine geringere Verflechtung der Weltwirtschaft Anlegern sogar Vorteile. Denn wenn Staaten und Unternehmen ihre Produktionsstandorte und Lieferketten stärker diversifizieren, teilweise näher an sich heranholen und ihre Volkswirtschaften sich somit unterschiedlich entwickeln, könnte dies auch den regionalen Gleichlauf von Investments, also die Korrelationen internationaler Aktienmärkte, reduzieren – was bedeutet, dass Diversifikationsvorteile steigen.

Eine breite Portfoliokonstruktion ist und bleibt der beste Weg zum Erfolg.

Das hat die Investoren-Legende David Swensen schon bewiesen, das setzt auch sein Schüler Robert Wallace beim Management des Stiftungsvermögens der Stanford University erfolgreich fort. Sein Schlüssel zum Anlageerfolg: Erstens, definieren Sie Ihre strategische Vermögensverteilung und halten Sie daran fest. Zweitens, investieren Sie global mit einer konsequent hohen Aktienquote. Und drittens, stellen Sie die einmal definierte Zielallokation im Portfolio regelmäßig wieder her. Abgesehen von dem zuletzt genannten wichtigen Aspekt des Rebalancing besagt Wallace' Anlagephilosophie vor allem eines: Die strategische Asset Allocation sollte man nicht leichtfertig zugunsten kurzfristiger politischer Entwicklungen über den Haufen werfen.

Damit will ich nicht sagen, dass man Risiken ignorieren bzw. aussitzen sollte - im Gegenteil.

Ein sauberes Risikomanagement ist in diesen Zeiten das A und O. Und gerade ein international gemischtes Portfolio sollte immer auf einem umfassenden Länderresearch sowie auf der sorgfältigen Analyse von Fundamentaldaten basieren. Und noch eines ist unerlässlich: Anleger sollten dabei auf aktives Management setzen. Denn nur ein aktiver Manager ist in der Lage, die aussichtsreichsten Einzelländer und Unternehmen zu selektieren und außerdem möglichst zeitnah auf sich verändernde Rahmenbedingungen zu reagieren.

Blauäugig sollte heute niemand mehr im Ausland investieren – seien es Industrieländer oder Emerging Markets. Aber politisch fragwürdige Länder von vornherein zu verteufeln, ist keine gute Lösung.


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1 Quelle: Rhodium Group

Lupus alpha

Anleger sollten ihr Depot nicht vorschnell deglobalisieren

Der weltweite Trend zur Deglobalisierung droht sich auch in den Anlegerdepots niederzuschlagen, in denen ohnehin traditionell ein "Home Bias" besteht. Wie in der Politik ist die Konzentration auf nationale Interessen und Investitionsmöglichkeiten auch in der Kapitalanlage nicht sinnvoll. Wer autokratisch geführte Länder generell als „nicht investierbar“ einstuft, nimmt sich die Chancen internationaler Streuung. Zudem ergeben sich gerade in einer weniger verflochtenen Weltwirtschaft Diversifikationsvorteile für Anleger.

Ralf Lochmüller, Gründungspartner und CEO von Lupus alpha

Pandemie und Ukraine-Krieg haben den seit Jahren laufenden Trend zur Deglobalisierung massiv beschleunigt. Vor allem China steht derzeit auf dem Prüfstand: Die Angst vor einer zu großen Abhängigkeit vom asiatischen Riesen ist groß, insbesondere vor dem Hintergrund einer möglichen Eskalation im Konflikt mit Taiwan. Betrachtet man die hohen Direktinvestitionen deutscher Unternehmen in China - 2021 machten deutsche Investitionen (VW sei Dank) 46 Prozent des gesamten europäischen Investitionsvolumens in China aus1 - sind diese Befürchtungen absolut angebracht. Wenn selbst der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) Siegfried Russwurm sagt:

"Alle Eier in einen Korb zu legen, ist nie eine gute Idee",

dann ist es höchste Zeit, über eine bessere Streuung nachzudenken. Die Finanzwelt ist in Sachen Diversifikation zwar von Haus aus einen Schritt weiter. Aber auch unter erfahrenen Kapitalanlegern haben die aktuellen Krisen, der starke Zinsanstieg in den USA, Rezessionsängste und Marktturbulenzen bereits zu übereilten Anlageentscheidungen geführt. Dass Investoren sich aus Russland zurückgezogen und Investmentgesellschaften ihre Russland- und Osteuropa-Fonds geschlossen haben, ist klar und richtig. Dass sich zunehmend mehr Investoren aus Emerging Markets Investments generell zurückziehen, halte ich jedoch für übereilt. Nach Schätzungen des Institute of International Finance (IIF) haben Investoren seit März weltweit fast 40 Mrd. US-Dollar aus Schwellenmarktanlagen abgezogen. Allein im Juli beliefen sich die Abflüsse aus Anleihen und Aktien der Schwellenländer auf 9,8 Mrd. US-Dollar. Das klingt nach Panik und wird dem vielfältigen Anlageuniversum, das ökonomisch sehr unterschiedlich aufgestellte Länder wie etwa auch Indien, Vietnam oder Indonesien umfasst, nicht gerecht.

Außerdem verschärft dieser Rückzug den ohnehin starken "Home Bias" in den Anlegerdepots.

Vor allem deutsche Investoren legen übermäßig große Teile ihres Kapitals am Heimatmarkt an. Gemäß einer Studie der Frankfurt School of Finance im Auftrag von Nomura Asset Management gewichten institutionelle Anleger in Deutschland Aktien aus Deutschland und Europa in ihren Portfolios deutlich höher als es ein international diversifiziertes Portfolio implizieren würde, und zwar um rund 33 Prozentpunkte! Asien wird in den institutionellen Portfolios dagegen deutlich untergewichtet, auch weil Risiken systematisch überschätzt werden, so die Studie.

Die Deglobalisierung schlägt sich also auch zunehmend in den Anlegerdepots nieder. Zugegeben, wir erleben gerade Zeiten hoher politischer Unsicherheit. Und dass sowohl von Unternehmen als auch von Investoren hinterfragt wird, mit wem man überhaupt Geschäfte machen will bzw. in welchen Ländern man investieren kann, ist verständlich. Die Zeiten geopolitischer Blindheit sind vorbei. Die Risiken der Zusammenarbeit mit mächtigen Diktaturen werden nicht mehr wie in der Vergangenheit ignoriert, sondern offen diskutiert und neu bewertet. Eine neue Nüchternheit ist eingekehrt - bei Politikern, Unternehmen und Investoren gleichermaßen - und das ist gut so.

Das sollte aber nicht so weit gehen, dass autokratisch geführte Länder generell von der Handels- bzw. Investitionslandkarte gestrichen werden.

Etwas ketzerisch könnte man auch sagen: Sie fahren ja auch nach wie vor in die Türkei in den Urlaub, beziehen Ihr neues Smartphone aus China oder sind während der Ära Trump in die USA gereist. Nein, im Ernst: "Friend-Shoring", also der Handel mit ausschließlich befreundeten Staaten, ist schon in der Realwirtschaft fragwürdig, in der Kapitalanlage ist dieser Ansatz jedoch in jedem Fall nicht empfehlenswert, führt er doch zu begrenzter Diversifikation und zu suboptimalen Anlageergebnissen. Zumal demokratisch geführte Staaten weltweit inzwischen in der Minderheit sind. Viel sinnvoller ist es stattdessen, selektiv zu investieren bzw. investiert zu bleiben, die Entwicklung in den betreffenden Ländern genau zu beobachten, den Dialog zu stärken und zu versuchen, auf diesem Wege gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen - was übrigens auch im Sinne des "S" in ESG ist.

Daher sollten sich Unternehmen wie Investoren auch nicht von China abwenden.

China wird eine wichtige Volkswirtschaft bleiben - Taiwan hin oder her. Zudem ist China der zweitgrößte Aktienmarkt der Welt mit einem Börsenwert von fast 18 Billionen US-Dollar und knapp 5.900 gelisteten Aktien. Wir sollten uns darauf einstellen, dass China bei der weiteren technologischen Entwicklung und auch beim Klimaschutz global eine wichtige Rolle einnehmen wird. Insofern ist eine kritische Beobachtung der Regierung in Peking sowie eine Kooperation ohne zu große Abhängigkeit ein guter Kompromiss - und zugleich eine solide Grundlage für das etwaige Wiederaufleben engerer Beziehungen. Und wie schnell sich die Zeiten ändern können, hat uns die Energiekrise gerade vor Augen geführt. Wirtschaftsminister Robert Habeck und Bundeskanzler Olaf Scholz hätten sich vor ihrem Regierungsantritt vermutlich auch nicht vorstellen können, dass sie mal in Ländern wie Katar, Saudi-Arabien oder den VAE als "Bittsteller" für weitere Gaslieferungen auftreten würden...

Kommen wir nochmal zurück auf das Thema Diversifikation. Anleger sollten sich auch in politisch unsicheren Zeiten nicht die Diversifikationsvorteile einer globalen Aktienanlage nehmen. Und tatsächlich bietet eine geringere Verflechtung der Weltwirtschaft Anlegern sogar Vorteile. Denn wenn Staaten und Unternehmen ihre Produktionsstandorte und Lieferketten stärker diversifizieren, teilweise näher an sich heranholen und ihre Volkswirtschaften sich somit unterschiedlich entwickeln, könnte dies auch den regionalen Gleichlauf von Investments, also die Korrelationen internationaler Aktienmärkte, reduzieren – was bedeutet, dass Diversifikationsvorteile steigen.

Eine breite Portfoliokonstruktion ist und bleibt der beste Weg zum Erfolg.

Das hat die Investoren-Legende David Swensen schon bewiesen, das setzt auch sein Schüler Robert Wallace beim Management des Stiftungsvermögens der Stanford University erfolgreich fort. Sein Schlüssel zum Anlageerfolg: Erstens, definieren Sie Ihre strategische Vermögensverteilung und halten Sie daran fest. Zweitens, investieren Sie global mit einer konsequent hohen Aktienquote. Und drittens, stellen Sie die einmal definierte Zielallokation im Portfolio regelmäßig wieder her. Abgesehen von dem zuletzt genannten wichtigen Aspekt des Rebalancing besagt Wallace' Anlagephilosophie vor allem eines: Die strategische Asset Allocation sollte man nicht leichtfertig zugunsten kurzfristiger politischer Entwicklungen über den Haufen werfen.

Damit will ich nicht sagen, dass man Risiken ignorieren bzw. aussitzen sollte - im Gegenteil.

Ein sauberes Risikomanagement ist in diesen Zeiten das A und O. Und gerade ein international gemischtes Portfolio sollte immer auf einem umfassenden Länderresearch sowie auf der sorgfältigen Analyse von Fundamentaldaten basieren. Und noch eines ist unerlässlich: Anleger sollten dabei auf aktives Management setzen. Denn nur ein aktiver Manager ist in der Lage, die aussichtsreichsten Einzelländer und Unternehmen zu selektieren und außerdem möglichst zeitnah auf sich verändernde Rahmenbedingungen zu reagieren.

Blauäugig sollte heute niemand mehr im Ausland investieren – seien es Industrieländer oder Emerging Markets. Aber politisch fragwürdige Länder von vornherein zu verteufeln, ist keine gute Lösung.


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Anleger sollten ihr Depot nicht vorschnell deglobalisieren

Der weltweite Trend zur Deglobalisierung droht sich auch in den Anlegerdepots niederzuschlagen, in denen ohnehin traditionell ein "Home Bias" besteht. Wie in der Politik ist die Konzentration auf nationale Interessen und Investitionsmöglichkeiten auch in der Kapitalanlage nicht sinnvoll. Wer autokratisch geführte Länder generell als „nicht investierbar“ einstuft, nimmt sich die Chancen internationaler Streuung. Zudem ergeben sich gerade in einer weniger verflochtenen Weltwirtschaft Diversifikationsvorteile für Anleger.

Ralf Lochmüller, Gründungspartner und CEO von Lupus alpha

Pandemie und Ukraine-Krieg haben den seit Jahren laufenden Trend zur Deglobalisierung massiv beschleunigt. Vor allem China steht derzeit auf dem Prüfstand: Die Angst vor einer zu großen Abhängigkeit vom asiatischen Riesen ist groß, insbesondere vor dem Hintergrund einer möglichen Eskalation im Konflikt mit Taiwan. Betrachtet man die hohen Direktinvestitionen deutscher Unternehmen in China - 2021 machten deutsche Investitionen (VW sei Dank) 46 Prozent des gesamten europäischen Investitionsvolumens in China aus1 - sind diese Befürchtungen absolut angebracht. Wenn selbst der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) Siegfried Russwurm sagt:

"Alle Eier in einen Korb zu legen, ist nie eine gute Idee",

dann ist es höchste Zeit, über eine bessere Streuung nachzudenken. Die Finanzwelt ist in Sachen Diversifikation zwar von Haus aus einen Schritt weiter. Aber auch unter erfahrenen Kapitalanlegern haben die aktuellen Krisen, der starke Zinsanstieg in den USA, Rezessionsängste und Marktturbulenzen bereits zu übereilten Anlageentscheidungen geführt. Dass Investoren sich aus Russland zurückgezogen und Investmentgesellschaften ihre Russland- und Osteuropa-Fonds geschlossen haben, ist klar und richtig. Dass sich zunehmend mehr Investoren aus Emerging Markets Investments generell zurückziehen, halte ich jedoch für übereilt. Nach Schätzungen des Institute of International Finance (IIF) haben Investoren seit März weltweit fast 40 Mrd. US-Dollar aus Schwellenmarktanlagen abgezogen. Allein im Juli beliefen sich die Abflüsse aus Anleihen und Aktien der Schwellenländer auf 9,8 Mrd. US-Dollar. Das klingt nach Panik und wird dem vielfältigen Anlageuniversum, das ökonomisch sehr unterschiedlich aufgestellte Länder wie etwa auch Indien, Vietnam oder Indonesien umfasst, nicht gerecht.

Außerdem verschärft dieser Rückzug den ohnehin starken "Home Bias" in den Anlegerdepots.

Vor allem deutsche Investoren legen übermäßig große Teile ihres Kapitals am Heimatmarkt an. Gemäß einer Studie der Frankfurt School of Finance im Auftrag von Nomura Asset Management gewichten institutionelle Anleger in Deutschland Aktien aus Deutschland und Europa in ihren Portfolios deutlich höher als es ein international diversifiziertes Portfolio implizieren würde, und zwar um rund 33 Prozentpunkte! Asien wird in den institutionellen Portfolios dagegen deutlich untergewichtet, auch weil Risiken systematisch überschätzt werden, so die Studie.

Die Deglobalisierung schlägt sich also auch zunehmend in den Anlegerdepots nieder. Zugegeben, wir erleben gerade Zeiten hoher politischer Unsicherheit. Und dass sowohl von Unternehmen als auch von Investoren hinterfragt wird, mit wem man überhaupt Geschäfte machen will bzw. in welchen Ländern man investieren kann, ist verständlich. Die Zeiten geopolitischer Blindheit sind vorbei. Die Risiken der Zusammenarbeit mit mächtigen Diktaturen werden nicht mehr wie in der Vergangenheit ignoriert, sondern offen diskutiert und neu bewertet. Eine neue Nüchternheit ist eingekehrt - bei Politikern, Unternehmen und Investoren gleichermaßen - und das ist gut so.

Das sollte aber nicht so weit gehen, dass autokratisch geführte Länder generell von der Handels- bzw. Investitionslandkarte gestrichen werden.

Etwas ketzerisch könnte man auch sagen: Sie fahren ja auch nach wie vor in die Türkei in den Urlaub, beziehen Ihr neues Smartphone aus China oder sind während der Ära Trump in die USA gereist. Nein, im Ernst: "Friend-Shoring", also der Handel mit ausschließlich befreundeten Staaten, ist schon in der Realwirtschaft fragwürdig, in der Kapitalanlage ist dieser Ansatz jedoch in jedem Fall nicht empfehlenswert, führt er doch zu begrenzter Diversifikation und zu suboptimalen Anlageergebnissen. Zumal demokratisch geführte Staaten weltweit inzwischen in der Minderheit sind. Viel sinnvoller ist es stattdessen, selektiv zu investieren bzw. investiert zu bleiben, die Entwicklung in den betreffenden Ländern genau zu beobachten, den Dialog zu stärken und zu versuchen, auf diesem Wege gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen - was übrigens auch im Sinne des "S" in ESG ist.

Daher sollten sich Unternehmen wie Investoren auch nicht von China abwenden.

China wird eine wichtige Volkswirtschaft bleiben - Taiwan hin oder her. Zudem ist China der zweitgrößte Aktienmarkt der Welt mit einem Börsenwert von fast 18 Billionen US-Dollar und knapp 5.900 gelisteten Aktien. Wir sollten uns darauf einstellen, dass China bei der weiteren technologischen Entwicklung und auch beim Klimaschutz global eine wichtige Rolle einnehmen wird. Insofern ist eine kritische Beobachtung der Regierung in Peking sowie eine Kooperation ohne zu große Abhängigkeit ein guter Kompromiss - und zugleich eine solide Grundlage für das etwaige Wiederaufleben engerer Beziehungen. Und wie schnell sich die Zeiten ändern können, hat uns die Energiekrise gerade vor Augen geführt. Wirtschaftsminister Robert Habeck und Bundeskanzler Olaf Scholz hätten sich vor ihrem Regierungsantritt vermutlich auch nicht vorstellen können, dass sie mal in Ländern wie Katar, Saudi-Arabien oder den VAE als "Bittsteller" für weitere Gaslieferungen auftreten würden...

Kommen wir nochmal zurück auf das Thema Diversifikation. Anleger sollten sich auch in politisch unsicheren Zeiten nicht die Diversifikationsvorteile einer globalen Aktienanlage nehmen. Und tatsächlich bietet eine geringere Verflechtung der Weltwirtschaft Anlegern sogar Vorteile. Denn wenn Staaten und Unternehmen ihre Produktionsstandorte und Lieferketten stärker diversifizieren, teilweise näher an sich heranholen und ihre Volkswirtschaften sich somit unterschiedlich entwickeln, könnte dies auch den regionalen Gleichlauf von Investments, also die Korrelationen internationaler Aktienmärkte, reduzieren – was bedeutet, dass Diversifikationsvorteile steigen.

Eine breite Portfoliokonstruktion ist und bleibt der beste Weg zum Erfolg.

Das hat die Investoren-Legende David Swensen schon bewiesen, das setzt auch sein Schüler Robert Wallace beim Management des Stiftungsvermögens der Stanford University erfolgreich fort. Sein Schlüssel zum Anlageerfolg: Erstens, definieren Sie Ihre strategische Vermögensverteilung und halten Sie daran fest. Zweitens, investieren Sie global mit einer konsequent hohen Aktienquote. Und drittens, stellen Sie die einmal definierte Zielallokation im Portfolio regelmäßig wieder her. Abgesehen von dem zuletzt genannten wichtigen Aspekt des Rebalancing besagt Wallace' Anlagephilosophie vor allem eines: Die strategische Asset Allocation sollte man nicht leichtfertig zugunsten kurzfristiger politischer Entwicklungen über den Haufen werfen.

Damit will ich nicht sagen, dass man Risiken ignorieren bzw. aussitzen sollte - im Gegenteil.

Ein sauberes Risikomanagement ist in diesen Zeiten das A und O. Und gerade ein international gemischtes Portfolio sollte immer auf einem umfassenden Länderresearch sowie auf der sorgfältigen Analyse von Fundamentaldaten basieren. Und noch eines ist unerlässlich: Anleger sollten dabei auf aktives Management setzen. Denn nur ein aktiver Manager ist in der Lage, die aussichtsreichsten Einzelländer und Unternehmen zu selektieren und außerdem möglichst zeitnah auf sich verändernde Rahmenbedingungen zu reagieren.

Blauäugig sollte heute niemand mehr im Ausland investieren – seien es Industrieländer oder Emerging Markets. Aber politisch fragwürdige Länder von vornherein zu verteufeln, ist keine gute Lösung.


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1 Quelle: Rhodium Group

Lupus alpha

Anleger sollten ihr Depot nicht vorschnell deglobalisieren

Der weltweite Trend zur Deglobalisierung droht sich auch in den Anlegerdepots niederzuschlagen, in denen ohnehin traditionell ein "Home Bias" besteht. Wie in der Politik ist die Konzentration auf nationale Interessen und Investitionsmöglichkeiten auch in der Kapitalanlage nicht sinnvoll. Wer autokratisch geführte Länder generell als „nicht investierbar“ einstuft, nimmt sich die Chancen internationaler Streuung. Zudem ergeben sich gerade in einer weniger verflochtenen Weltwirtschaft Diversifikationsvorteile für Anleger.

Ralf Lochmüller, Gründungspartner und CEO von Lupus alpha

Pandemie und Ukraine-Krieg haben den seit Jahren laufenden Trend zur Deglobalisierung massiv beschleunigt. Vor allem China steht derzeit auf dem Prüfstand: Die Angst vor einer zu großen Abhängigkeit vom asiatischen Riesen ist groß, insbesondere vor dem Hintergrund einer möglichen Eskalation im Konflikt mit Taiwan. Betrachtet man die hohen Direktinvestitionen deutscher Unternehmen in China - 2021 machten deutsche Investitionen (VW sei Dank) 46 Prozent des gesamten europäischen Investitionsvolumens in China aus1 - sind diese Befürchtungen absolut angebracht. Wenn selbst der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) Siegfried Russwurm sagt:

"Alle Eier in einen Korb zu legen, ist nie eine gute Idee",

dann ist es höchste Zeit, über eine bessere Streuung nachzudenken. Die Finanzwelt ist in Sachen Diversifikation zwar von Haus aus einen Schritt weiter. Aber auch unter erfahrenen Kapitalanlegern haben die aktuellen Krisen, der starke Zinsanstieg in den USA, Rezessionsängste und Marktturbulenzen bereits zu übereilten Anlageentscheidungen geführt. Dass Investoren sich aus Russland zurückgezogen und Investmentgesellschaften ihre Russland- und Osteuropa-Fonds geschlossen haben, ist klar und richtig. Dass sich zunehmend mehr Investoren aus Emerging Markets Investments generell zurückziehen, halte ich jedoch für übereilt. Nach Schätzungen des Institute of International Finance (IIF) haben Investoren seit März weltweit fast 40 Mrd. US-Dollar aus Schwellenmarktanlagen abgezogen. Allein im Juli beliefen sich die Abflüsse aus Anleihen und Aktien der Schwellenländer auf 9,8 Mrd. US-Dollar. Das klingt nach Panik und wird dem vielfältigen Anlageuniversum, das ökonomisch sehr unterschiedlich aufgestellte Länder wie etwa auch Indien, Vietnam oder Indonesien umfasst, nicht gerecht.

Außerdem verschärft dieser Rückzug den ohnehin starken "Home Bias" in den Anlegerdepots.

Vor allem deutsche Investoren legen übermäßig große Teile ihres Kapitals am Heimatmarkt an. Gemäß einer Studie der Frankfurt School of Finance im Auftrag von Nomura Asset Management gewichten institutionelle Anleger in Deutschland Aktien aus Deutschland und Europa in ihren Portfolios deutlich höher als es ein international diversifiziertes Portfolio implizieren würde, und zwar um rund 33 Prozentpunkte! Asien wird in den institutionellen Portfolios dagegen deutlich untergewichtet, auch weil Risiken systematisch überschätzt werden, so die Studie.

Die Deglobalisierung schlägt sich also auch zunehmend in den Anlegerdepots nieder. Zugegeben, wir erleben gerade Zeiten hoher politischer Unsicherheit. Und dass sowohl von Unternehmen als auch von Investoren hinterfragt wird, mit wem man überhaupt Geschäfte machen will bzw. in welchen Ländern man investieren kann, ist verständlich. Die Zeiten geopolitischer Blindheit sind vorbei. Die Risiken der Zusammenarbeit mit mächtigen Diktaturen werden nicht mehr wie in der Vergangenheit ignoriert, sondern offen diskutiert und neu bewertet. Eine neue Nüchternheit ist eingekehrt - bei Politikern, Unternehmen und Investoren gleichermaßen - und das ist gut so.

Das sollte aber nicht so weit gehen, dass autokratisch geführte Länder generell von der Handels- bzw. Investitionslandkarte gestrichen werden.

Etwas ketzerisch könnte man auch sagen: Sie fahren ja auch nach wie vor in die Türkei in den Urlaub, beziehen Ihr neues Smartphone aus China oder sind während der Ära Trump in die USA gereist. Nein, im Ernst: "Friend-Shoring", also der Handel mit ausschließlich befreundeten Staaten, ist schon in der Realwirtschaft fragwürdig, in der Kapitalanlage ist dieser Ansatz jedoch in jedem Fall nicht empfehlenswert, führt er doch zu begrenzter Diversifikation und zu suboptimalen Anlageergebnissen. Zumal demokratisch geführte Staaten weltweit inzwischen in der Minderheit sind. Viel sinnvoller ist es stattdessen, selektiv zu investieren bzw. investiert zu bleiben, die Entwicklung in den betreffenden Ländern genau zu beobachten, den Dialog zu stärken und zu versuchen, auf diesem Wege gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen - was übrigens auch im Sinne des "S" in ESG ist.

Daher sollten sich Unternehmen wie Investoren auch nicht von China abwenden.

China wird eine wichtige Volkswirtschaft bleiben - Taiwan hin oder her. Zudem ist China der zweitgrößte Aktienmarkt der Welt mit einem Börsenwert von fast 18 Billionen US-Dollar und knapp 5.900 gelisteten Aktien. Wir sollten uns darauf einstellen, dass China bei der weiteren technologischen Entwicklung und auch beim Klimaschutz global eine wichtige Rolle einnehmen wird. Insofern ist eine kritische Beobachtung der Regierung in Peking sowie eine Kooperation ohne zu große Abhängigkeit ein guter Kompromiss - und zugleich eine solide Grundlage für das etwaige Wiederaufleben engerer Beziehungen. Und wie schnell sich die Zeiten ändern können, hat uns die Energiekrise gerade vor Augen geführt. Wirtschaftsminister Robert Habeck und Bundeskanzler Olaf Scholz hätten sich vor ihrem Regierungsantritt vermutlich auch nicht vorstellen können, dass sie mal in Ländern wie Katar, Saudi-Arabien oder den VAE als "Bittsteller" für weitere Gaslieferungen auftreten würden...

Kommen wir nochmal zurück auf das Thema Diversifikation. Anleger sollten sich auch in politisch unsicheren Zeiten nicht die Diversifikationsvorteile einer globalen Aktienanlage nehmen. Und tatsächlich bietet eine geringere Verflechtung der Weltwirtschaft Anlegern sogar Vorteile. Denn wenn Staaten und Unternehmen ihre Produktionsstandorte und Lieferketten stärker diversifizieren, teilweise näher an sich heranholen und ihre Volkswirtschaften sich somit unterschiedlich entwickeln, könnte dies auch den regionalen Gleichlauf von Investments, also die Korrelationen internationaler Aktienmärkte, reduzieren – was bedeutet, dass Diversifikationsvorteile steigen.

Eine breite Portfoliokonstruktion ist und bleibt der beste Weg zum Erfolg.

Das hat die Investoren-Legende David Swensen schon bewiesen, das setzt auch sein Schüler Robert Wallace beim Management des Stiftungsvermögens der Stanford University erfolgreich fort. Sein Schlüssel zum Anlageerfolg: Erstens, definieren Sie Ihre strategische Vermögensverteilung und halten Sie daran fest. Zweitens, investieren Sie global mit einer konsequent hohen Aktienquote. Und drittens, stellen Sie die einmal definierte Zielallokation im Portfolio regelmäßig wieder her. Abgesehen von dem zuletzt genannten wichtigen Aspekt des Rebalancing besagt Wallace' Anlagephilosophie vor allem eines: Die strategische Asset Allocation sollte man nicht leichtfertig zugunsten kurzfristiger politischer Entwicklungen über den Haufen werfen.

Damit will ich nicht sagen, dass man Risiken ignorieren bzw. aussitzen sollte - im Gegenteil.

Ein sauberes Risikomanagement ist in diesen Zeiten das A und O. Und gerade ein international gemischtes Portfolio sollte immer auf einem umfassenden Länderresearch sowie auf der sorgfältigen Analyse von Fundamentaldaten basieren. Und noch eines ist unerlässlich: Anleger sollten dabei auf aktives Management setzen. Denn nur ein aktiver Manager ist in der Lage, die aussichtsreichsten Einzelländer und Unternehmen zu selektieren und außerdem möglichst zeitnah auf sich verändernde Rahmenbedingungen zu reagieren.

Blauäugig sollte heute niemand mehr im Ausland investieren – seien es Industrieländer oder Emerging Markets. Aber politisch fragwürdige Länder von vornherein zu verteufeln, ist keine gute Lösung.


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