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ESG: Warum der "E"-Fokus zu einer Fehlallokation von Kapital führt

Viele Nachhaltigkeitsfonds setzen bei ihrer Allokation ausschließlich auf das "E" in ESG, was zu einem Hype bei Aktien "grüner" Unternehmen geführt hat. Ob ESG-Momentum oder grüne Blase – die einseitige Ausrichtung auf ökologische Themen ist weder sinnvoll noch langfristig erfolgreich. Um den globalen Nachhaltigkeitszielen gerecht zu werden, ist ein ganzheitlicher Ansatz erforderlich. Die klassische Fundamentalanalyse, die ESG-Kriterien in der Breite berücksichtigt, verspricht hier die besten Ergebnisse.

Dr. Götz Albert, Managing Partner und CIO

Kennen Sie das auch? Sie wollen unbedingt ein Ziel erreichen – zum Beispiel die nächste Karrierestufe im Job – wissen aber, dass Aufwand und Zeit zur Erreichung dieses Ziels einem anderen Ziel, das Ihnen auch sehr wichtig ist – zum Beispiel regelmäßig Ihrem Lieblingssport nachzugehen – vollkommen zuwiderlaufen. Ein Dilemma, das sich kurzfristig oft nicht auflösen lässt und meist zu Lasten eines der beiden Ziele geht.

In diesem Dilemma befinden sich auch Investoren, die ihr Vermögen nachhaltig anlegen möchten und sich dabei z. B. an den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen (UN Sustainable Development Goals, SDGs) orientieren wollen. Das, was die Agenda bis 2030 erreichen will, sind ohne Frage wichtige und erstrebenswerte Ziele. Sie haben nur die Eigenheit, dass sie keiner Priorisierung unterliegen, in vielfacher Weise miteinander verknüpft sind und nicht isoliert betrachtet oder umgesetzt werden können. Das führt unweigerlich zu Zielkonflikten.

Passt nicht zusammen: Geringeres Energieangebot bei steigender Weltbevölkerung

Ein Beispiel: Das Ziel Nr. 1 der UN SDGs fordert "Keine Armut" – was konkret bedeutet, das Pro-Kopf-Einkommen in ärmeren Ländern signifikant zu steigern. Bei Überschreiten des Pro-Kopf-Einkommens, auf Basis von Kaufkraftparitäten, von 2.000 USD p.a. (Niveau von Ruanda) steigt der Energiebedarf jedoch schon deutlich, bei über 20.000 USD p.a. pro Kopf (Niveau von Argentinien) steigt er sogar drastisch. Wie ist das mit dem UN-Ziel Nr. 7 "Bezahlbare und saubere Energie" vereinbar, vor allem wenn man berücksichtigt, dass die Bevölkerung weltweit um mehr als 80 Millionen Menschen (netto) pro Jahr wächst? Da bleibt nur der Weg über alternative, erneuerbare Energien. Bis diese jedoch ausreichend verfügbar sind, wird man an traditionellen Energieträgern nicht vorbeikommen. Wir können den Menschen in den Entwicklungsländern ja schlecht sagen: "Schön, dass Euer Wohlstand steigt - aber bitte kommt nicht auf den hohen Energieverbrauch, den wir Menschen in den USA oder Europa haben!"

Echte Nachhaltigkeit braucht wirtschaftliches Wachstum

Dieser Zielkonflikt ist nur einer von vielen innerhalb der UN SDGs. Wie geht man damit um? Wichtig ist: Nachhaltigkeit darf nicht nur auf Fragen der Umwelt und des Klimawandels reduziert werden, sondern muss auch das notwendige Wachstum im Blick haben. Wenn die Weltbevölkerung wächst, muss auch die globale Wirtschaft wachsen - oder zumindest in der Ressourcennutzung deutlich effizienter werden. Dies findet sich auch in Ziel Nr. 9 wieder: "Industrie, Innovation und Infrastruktur". Hierzu bedarf es Kapital, um eine echte Transformation der Wirtschaft zu erreichen. An dieser Stelle ist das Asset Management gefordert, durch die richtige Allokation von Kapital Innovationen und neue Technologien möglich zu machen.

Achtung: "E" wie zu einseitig

Das Gegenteil ist jedoch aktuell der Fall. Viele Nachhaltigkeitsfonds setzen ESG mit einem deutlichen Übergewicht auf ökologischen Themen, also dem "E" in ESG, in ihren Portfolios um. Ihr Augenmerk liegt dabei vor allem auf dem Kampf gegen den Klimawandel und der Reduzierung des CO²-Ausstoßes. Durch diese einseitige Fokussierung kommt es zu Fehlallokationen von Kapital, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Mindestens vier Fälle tauchen hier immer wieder auf:

Fall 1: Die Allokation erfolgt nur aufgrund der Zugehörigkeit zur "richtigen" Branche oder Produktgruppe. So fließt Kapital in Aktien, die eher "zufällig“ in einer als förderungswürdig geltenden Branche tätig sind, wie zum Beispiel Erneuerbare Energien, Kreislaufwirtschaft, Elektromobilität etc. Das kann so weit gehen, dass ein Maschinenbauer, der Pfandrückgabeautomaten herstellt, zu einem doppelt so hohen KGV gehandelt wird wie ein Maschinenbauer, der normale Verpackungsmaschinen herstellt. Rechtfertigt das „Grüne“ in Pfandrückgabeautomaten wirklich eine doppelte Bewertung? Das erzeugt ESG-Momentum, aber keine nachhaltige Performance.

Fall 2: Die Allokation erfolgt nur aufgrund eines attraktiven ESG-Ratings. Es gibt Fondsmanager, die ein bestehendes Portfolio "grüner" machen möchten oder müssen – und daher noch einige Unternehmen, die ein attraktives, "objektives“ ESG-Rating haben, beimischen. Das treibt die Kurse solcher Unternehmen, ohne dass sie fundamental besser sind als andere Unternehmen.

Fall 3: Die Allokation erfolgt nur aufgrund der Zugehörigkeit zur "falschen" Branche nicht. Bestimmte Branchen gelten unter ökologischen Gesichtspunkten als "schlecht“: Öl & Gas, Minen, Chemie, Alu & Stahl, Autobauer. In diese Branchen fließt weniger Kapital, weshalb sich die Refinanzierung hier verteuert und Kapazitäten nicht ausgebaut oder genutzt werden. Hier ist ebenfalls ESG-Momentum zu beobachten - allerdings nach unten. Erst wenn sich hier echte Knappheiten ausbilden, wie wir es gerade im Energiebereich beobachten können, wird sich das wieder umkehren.

Fall 4: Die Allokation neuer Unternehmen an der Börse erfolgt nur aufgrund ihres "grünen Anstrichs". Eine extreme Ausprägung von Fall 2 ist, dass sich Unternehmen formieren, um mit ihrem grünen Image Geld aufzunehmen, ohne über ein wirklich tragfähiges Geschäftsmodell zu verfügen. Diese Aktien finden den Zugang zur Börse und den Eingang in ESG-Portfolios nur über ihren „grünen Anstrich“. Die Gefahr ist dann besonders groß, wenn nicht nach fundamentalen Kriterien ausgesucht wird, sondern rein auf Basis von ESG-Ratings. 

ESG muss ein integrativer Teil der fundamentalen Analyse sein

Wie kann man nun ein ESG-konformes Portfolio aufbauen, ohne Gefahr zu laufen, eine grüne Blase zu befördern? Wichtig ist, dass man sich nicht von der Performance aus einem kurzfristigen ESG-Momentum blenden lässt und die ESG-Kriterien nicht nur einseitig auf ein Ziel ausrichtet, sondern ebenso wie bei den UN SDGs alle Ziele im Blick hat. Die Faktoren Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung sollten im Investmentprozess gleichermaßen eine wichtige Rolle spielen - wohlwissend, dass hier unbequeme Zielkonflikte auftreten können. Last but not least sollten die Chancen, die neue Technologien zur Effizienzsteigerung von Ressourcen bieten, konsequent bei der Titelauswahl genutzt werden. Die klassische Fundamentalanalyse, umgesetzt in einem aktiven Managementansatz, die neben finanziellen Kriterien auch nicht-finanzielle ESG-Kriterien berücksichtigt, verspricht hier die besten Ergebnisse. Mit einem solchen ganzheitlichen Ansatz können übrigens auch Karriere und Lieblingssport unter einen Hut gebracht werden.

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