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Lupus alpha

30.06.2026

ETF ist kein Synonym für Kapitalanlage

Die neue Ausgabe der Lupus alpha Kolumne leitwolfs view

Wenige Begriffe haben sich in den vergangenen Jahren so fest im Sprachgebrauch verankert wie das Kürzel ETF. Es ist längst zum Gattungsbegriff geworden – ähnlich wie „Tempo“ für das Taschentuch. Doch ein ETF ist eine Verpackung, keine Anlagestrategie und keine Qualitätsgarantie. Wer das gleichsetzt, verwechselt die Hülle mit dem Inhalt – und kann dafür am Ende mit verpasster Rendite zahlen.

Oliver Böttger, Partner und Leiter Vertrieb Wholesale bei Lupus alpha

Ich beobachte seit einiger Zeit eine sprachliche Verschiebung, die mehr ist als eine Nachlässigkeit im Vokabular: Man sagt „ETF" und meint längst „Kapitalanlage". Genau darin liegt das Problem. Ein ETF (Exchange Traded Fund) ist ein Instrument, eine Verpackung – aber keine Anlagestrategie, kein Automatismus für Marktperformance und kein Synonym für durchdachte Vermögensanlage.

Damit kein Missverständnis entsteht: ETFs sind ein sinnvoller Bestandteil moderner Portfoliokonstruktion. Für den transparenten, liquiden und kostengünstigen Zugang zu effizienten Märkten sind sie ein hervorragender Baustein. Fürs Depots taugen sie, solange zwei Kriterien erfüllt sind: große Märkte, niedrige Kosten. Nur verfestigt sich mit der Einführung des Altersvorsorgedepots in der öffentlichen Wahrnehmung die Gleichsetzung des Kürzels ETF mit der Kapitalanlage an sich.

Wo also liegt die Verwechslung und was kostet sie den Anleger? Zwei Annahmen haben sich eingeschlichen, die beide einer Prüfung nicht standhalten.

1. Hauptsache „ein ETF" – als wäre die Vermögensfrage damit gelöst

In politischen Debatten und in der breiten Öffentlichkeit wird das Thema gern auf ein Schlagwort reduziert – befördert gerade auch von Politikern, die im Rahmen der aktuellen Altersvorsorgediskussionen gerne wissen lassen, dass sie „natürlich mit ETFs“ ansparen. Wer einen ETF hat, scheint versorgt. Dabei entscheidet über den langfristigen Anlageerfolg primär die Auswahl und Gewichtung der geeigneten Anlageklassen, nicht die Wahl der Hülle.

2. ETF gleich Marktperformance – ein teurer Trugschluss

Der zweite Reflex lautet: Ein ETF liefert automatisch die perfekte Marktperformance. Das stimmt schon deshalb nicht, weil auch ETFs Geld kosten – und die Kosten genau diese Gleichsetzung unterlaufen. Über lange Zeiträume nagt jeder Basispunkt an der Differenz zwischen Index und Produkt. Nehmen wir den DAX: Über 15 Jahre (Stand 30.4.) stieg der deutsche Leitindex um fast 235% – der DAX-ETF eines etablierten Anbieters nur um knapp 216% – ein Unterschied von beinahe 20 Prozentpunkten! 

Noch deutlicher wird es in der Nische, hier zieht das pauschale Kostenargument der Indexprodukte kaum noch. Während ein MSCI-World-ETF in der Regel nur um die 0,1% p.a. kostet, zahlen Anleger für Small & Mid Cap-ETFs bis zu 0,6% und bei Wandelanleihen bis zu 0,75%. Bei Frontier-Märkten, exotischen Regionen (wie z.B. Africa ex South Africa) oder Themen-ETFs können gut und gerne 1% jährlich entstehen, ebenso für aktive ETFs. Spitzenreiter in unserer Recherche war ein Blockchain-ETF mit 3,5% p. a. (!).

In Nischen sind die Märkte nicht so liquide durchgehandelt, dass eine passive Abbildung automatisch das beste Ergebnis liefert. Im Gegenteil: Gerade hier stehen aktive Fonds nach Kosten mitunter besser da als ihre passiven Pendants – was man im Einzelfall prüfen und keinesfalls reflexhaft ausschließen sollte.
Heißt: Wer langfristig anlegt, sollte nicht allein auf den Index schauen, sondern auf die Nettorendite, die mit dem ETF nach Abzug aller Kosten beim Anleger ankommt.

Schon David Swensen, der 2021 verstorbene, legendäre Investmentchef der Yale-Stiftung, hat darauf hingewiesen: Nicht das Produkt macht den Unterschied, sondern die Entscheidung, welche Märkte man besetzt und wie aktiv man sie bewirtschaftet. Effiziente Märkte passiv, ineffiziente Märkte aktiv – das ist die eigentliche Lehre, nicht „ETFs um jeden Preis".

Mit einem ETF gibt man die Alpha-Chance von vornherein ab

Hinzu kommt: Wer rein passiv anlegt, verzichtet auf Alpha – auf die Möglichkeit, den Markt zu schlagen. Und je länger die Anlageperiode, desto nachteiliger kann dieser Verzicht wirken. Aktive Fonds stehen für eine Kapitalanlage, die flexibel auf das aktuelle Marktgeschehen reagiert. Ein deutscher All-Caps-Fonds zum Beispiel kann zwischen Small, Mid und Large Caps frei gewichten und dort Schwerpunkte setzen, wo gerade Wert entsteht.

Auch bei aktiven ETFs lohnt der zweite Blick: Zu prüfen ist stets, wie aktiv sie wirklich anlegen und welches Ergebnis nach Kosten herauskommt. Das Etikett „aktiv" allein sagt noch nichts – das gilt genauso für klassisch gemanagte Fonds.

Ein Argument noch zum gern bemühten Liquiditätsthema: ETFs sind intraday handelbar. Das ist schön. Nur für die langfristige erfolgreiche Geldanlage entsteht so kein Mehrwert. Es gibt Uhren, die Zehntelsekunden anzeigen. Pünktlicher ist man mit ihnen trotzdem nicht.

Zusammengefasst: ETFs verleiten dazu, es sich leicht zu machen, statt eine ergebnisoffene Due Diligence durchzuführen. Bequem ist das – aber es kann zulasten der Performance gehen.

Was heißt das für Investoren?

Die entscheidende Frage lautet also nicht „aktiv oder passiv". Investoren sollten sich vielmehr die Fragen stellen: Welche Märkte will ich besetzen? Welche Rolle soll der Baustein im Portfolio spielen? Und vor allem: Was bleibt nach Kosten übrig? Wer so fragt, kommt je nach Markt zu einem ETF oder zu einem aktiv gemanagten Fonds. Das ist der entscheidende Punkt: Die Wahl des Produkts folgt aus der Strategie, nicht umgekehrt.


Das gilt für professionelle Investoren wie für die Privatanleger gleichermaßen. Leider verfestigt sich im Zuge des neuen Altersvorsorgedepots gerade die Gleichsetzung von „ETF" und „Kapitalanlage". Dem hehren Ziel „Mehr Finanzbildung in der Bevölkerung" erweist sie damit einen Bärendienst. Wir sollten alles tun, diese Sicht zu korrigieren!

Mein Fazit für einen langfristig denkenden Anleger: Strategie schlägt Hülle. Und gemessen wird am Ende nicht der Index, sondern die Rendite nach Kosten.

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Wie halten Sie es mit aktiven und passiven Produkten in Ihren Portfolios?

Ich freue mich über Ihre Anregungen unter leitwolfsview@lupusalpha.de

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