„Europa muss gesellschaftlich resilienter und militärisch stärker werden“
Frau Dr. Major, die geopolitische Weltlage hat sich fundamental verändert. Worin liegen Ihrer Ansicht nach die größten Herausforderungen?
Der globale Rahmen, in dem Deutschland und Europa jahrzehntelang sehr erfolgreich operiert haben, existiert nicht mehr. Die Sicherheitsordnung und der weitgehende Freihandel funktionieren nicht mehr. Die internationalen Institutionen und Regeln sind noch da, werden aber immer weniger respektiert. Der Kontext, in dem Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg zu Wohlstand gekommen und wieder zu einem respektierten internationalen Akteur geworden ist, zerbricht. Diese Systemumwälzung passiert nicht linear und vorhersehbar, sondern zu großen Teilen disruptiv. Dabei sind vier grundlegende Tendenzen zu erkennen: eine Verrohung der internationalen Beziehungen, ein verschärfter geoökonomischer Revisionismus, eine verstärkte Multipolarität und einen Wettstreit um Technologien als Machtinstrument. Uns allen muss klar sein: Der geopolitische Rahmen der vergangenen Jahre kommt so schnell nicht wieder.
Warum fällt es uns in Europa so schwer, mit dieser neuen Weltordnung umzugehen und darauf zu reagieren?
Die treibende Kraft dieser Umwälzung ist Gewalt; politische, wirtschaftliche, vor allem aber militärische Gewalt. Staaten wie Russland ignorieren internationale Organisationen und das Völkerrecht, militärische Gewalt gilt als effizient und legitim. Wir in Europa sehen dagegen Gleichberechtigung, Demokratie und eine offene Gesellschaft als Stärke an. Aber wir merken zunehmend, dass diese Werte in der aktuellen Weltlage immer schwieriger zu erhalten sind. Europa hat mit seiner Präferenz für regelbasierte Ansätze ein fundamentales Problem: Wir sind einer der größten Wirtschaftsblöcke, eine regulatorische Supermacht, ein zentraler Knotenpunkt für Handel, Finanzen und Diplomatie. Unser Modell basierte siebzig Jahre auf „Soft Power“ und war nie dafür gedacht, in Großmachtpolitik zu bestehen. Wir müssen also umdenken und Souveränität und Resilienz in allen Bereichen stärken, von Technologie bis Militär und Demokratie. Die wichtigste Botschaft ist zugleich eine hoffnungsvolle: Wir sind dem nicht ausgeliefert. Von dem, was getan werden muss, können wir sehr vieles selbst gestalten.
Die USA ziehen sich als Sicherheitsgarant zunehmend zurück. Was bedeutet das für Europa und für Deutschland?
Die kooperative Sicherheitsordnung, auf die wir uns jahrzehntelang verlassen haben, gibt es spätestens seit dem russischen Überfall auf die Ukraine 2022 nicht mehr. Die nächste Herausforderung ist, dass wir Europäer mit immer weniger Unterstützung der USA die konfrontative Sicherheitsordnung und den Schutz vor Russland organisieren müssen. Aus europäischer Sicht entwickelt sich Washington von einem Verbündeten zu einem unilateralen Akteur, der à la carte kooperiert. In einzelnen Bereichen werden sie sogar zum Gegenspieler – in Handelsfragen, in Demokratiefragen und mittlerweile auch in Sicherheits- und Verteidigungsfragen. Für uns erwächst daraus eine klare Aufgabe: Abschreckung, Verteidigung und Resilienz durch den Aufbau eigener Verteidigungsfähigkeit zu gewährleisten.
Eine zentrale Bedrohung sind auch Cyberangriffe. Warum sind sie so gefährlich und wie gut sind wir darauf vorbereitet?
Cyberangriffe zielen wie viele hybride Angriffe darauf ab, das Vertrauen in das Funktionieren von demokratischen Staaten zu unterminieren. Sie sollen unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt, kritische Infrastrukturen und unsere Freiheit und Pluralität zerstören. Cyberangriffe sind Gewalt ohne Militär. Durch Cyberangriffe lassen sich erhebliche finanzielle und gesellschaftliche Schäden anrichten. Besonders brisant wird es durch Künstliche Intelligenz, sie kann Cyberangriffe multiplizieren, Desinformation verschärfen und Einflusskampagnen verstärken. Die teils schwierige Attribuierung, also den Täter oder Auftraggeber festzustellen, erschwert die Reaktion. Deshalb müssen wir die Verwundbarkeit unserer offenen Gesellschaften besser anerkennen und neben einer militärischen Abschreckung in die Stärkung unserer Resilienz investieren.
Wie gelingt uns das?
Militärisch wissen wir, was zu tun ist – es ist zwar teuer und dauert lange, aber wir wissen es. Deutlich schwieriger ist die Steigerung der Resilienz. Bei Themen wie Desinformation und Propaganda müssen wir noch viel mehr Aufklärung betreiben. Da sind wir schnell in der Bildungspolitik: Lernen unsere Kinder den Unterschied zwischen Fakt und Meinung? Kennen wir das Drei-Quellen-Prinzip? Eine gespaltene Gesellschaft ist viel leichter zu destabilisieren, während eine Gesellschaft mit Vertrauen in ihre Institutionen, geringer sozialer Ungleichheit und funktionierender Teilhabe sehr viel widerstandsfähiger ist. Lassen Sie es mich mit einem Beispiel erklären: Wenn die Berliner beim nächsten Blackout wissen, wo die Taschenlampe liegt, reagiert man anders. Dann ist man kein Opfer mehr, sondern Akteur. Und das macht einen riesengroßen Unterschied für die mentale Resilienz. Im Kern geht es um die wehrhafte Demokratie, die sich nicht von innen aushöhlen lässt.
Herr Dr. Albert, wie gehen Sie als Asset Manager mit dieser Systemumwälzung um?
Wir müssen als Investoren neue Themen in der Kapitalanlage zulassen und teilweise auch eine andere Art des Denkens – ob wir das wollen oder nicht. Am deutlichsten zeigt sich das an der veränderten Einschätzung von Rüstungsaktien: Bis Ende 2021 waren das Titel, die man besser nicht anfasste; heute finden sie sich in vielen Portfolios wieder, weil die Unternehmen zunehmend als Enabler der staatlichen Ausgabenprogramme gesehen werden und nicht als Betreiber eines „schmutzigen“ Geschäfts. Dahinter steht eine tiefgreifende industrielle Transformation in Deutschland, die unübersehbar ist. Man muss dabei allerdings sehr genau hinschauen, denn es handelt sich um sehr unterschiedliche Unternehmen – vom voll integrierten Rüstungskonzern über Firmen aus Branchen, bei denen man einen Verteidigungsbezug gar nicht vermuten würde, bis hin zu Unternehmen, die sich bewusst in diesen Bereich hineintransformieren.
Als Fondsmanager investieren wir nicht in Unternehmen, sondern in deren Aktien – deshalb ist die entscheidende Frage das klassische Handwerk: Wie sind diese Unternehmen bewertet, wie sind ihre Aussichten, wie ihr langfristiges Potenzial? Eine Besonderheit ist, dass diese Unternehmen in der Regel nur einen Nachfrager haben, nämlich Staaten. Nach dem starken Hype im Frühjahr 2025, als Rüstungsaktien extrem gut gelaufen sind, sehr viel ausländisches Geld nach Deutschland floss und es zu deutlichen Überbewertungen kam, haben wir mittlerweile die Situation, dass es sich um industrielle Unternehmen handelt, die genauso bewertet werden wie jedes andere Industrieunternehmen auch – und das ist auch richtig so. Aus Perspektive der Fondsanlage ist das ein spannendes Feld, das man nicht ignorieren kann und bei dem es auf Selektion ankommt.
Dr. Claudia Major
Dr. Claudia Major, eine Insiderin zu Fragen der europäischen Verteidigung. Ihre Stimme zählt nicht nur auf den Nachrichtenkanälen und in Polit-Talkshows: Als eine der profiliertesten Expertinnen für europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik sind ihre Analysen bei der Bundesregierung und auch auf internationaler Ebene gefragt. Sie war langjährige Leiterin der Forschungsgruppe Sicherheitspolitik bei der renommierten Stiftung Wissenschaft und Politik und unterstützt seit März 2025 als Senior Vice President für Transatlantische Sicherheitsinitiativen die unabhängige US-Denkfabrik German Marshall Fund of the United States. Frühere berufliche Stationen umfassten u. a. das Center for Security Studies an der ETH Zürich, die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik, das EU Institute for Security Studies (Paris), das Auswärtige Amt sowie Sciences Po, Paris. Sie war und ist Mitglied in verschiedenen Gremien, wie dem Beirat Zivile Krisenprävention des Auswärtigen Amtes (2010–2024) und dem Beirat Innere Führung des Verteidigungsministeriums (seit 2023).