Herr Matthes, wie geht es der deutschen Wirtschaft wirklich?
Jürgen Matthes: Besser als gedacht. Wir sehen einen klaren Aufwärtstrend beim BIP im ersten und zweiten Quartal – trotz Iran-Krieg und US-Zollstreit. Die Konjunkturprognosen wurden zuletzt deutlich nach oben revidiert, teils auf bis zu 1,4 Prozent Wachstum. Dahinter stehen eine höhere Staatsnachfrage durch die Investitionspakete in Infrastruktur und Verteidigung, aber auch überraschend gute Exporte in die EU. Historisch entzündete sich deutsche Konjunktur häufig über einen Exportfunken, dem dann Unternehmensinvestitionen folgten – genau dieses Muster scheint sich jetzt wieder abzuzeichnen.
Hat dieser Optimismus mit den Reformen der Bundesregierung zu tun?
Matthes: Betrachtet man die einzelnen Maßnahmen im Zusammenhang, ergibt sich ein durchaus beachtliches Paket, auch wenn wir uns sicherlich noch etwas mehr wünschen würden. Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung, verbesserte Abschreibungsmöglichkeiten, Initiativen zum Bürokratieabbau, Reformen bei den Sozialversicherungen sowie schnellere Genehmigungsverfahren können die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands stärken. Die entscheidende Frage ist nun, ob diese Reformen konsequent umgesetzt werden.
Wie attraktiv ist Deutschland im internationalen Vergleich?
Matthes: Attraktivität ist relativ – und da schneidet Deutschland vergleichsweise gut ab, weil die Konkurrenz erhebliche Probleme hat. Die USA sind hoch verschuldet, die Handels- und Wirtschaftspolitik ist unberechenbar geworden, zudem gibt es Sorgen vor einer KI-Blase. Das spricht dafür, dass USA und KI in vielen Portfolios übergewichtet sind und Investoren nach Alternativen suchen dürften. Frankreich und Großbritannien kämpfen mit hoher Verschuldung und politischer Instabilität, China mit Nachfrageschwäche und Überkapazitäten. Deutschland steht mit einer Staatsschuldenquote von 60 bis 70 Prozent, Rechtssicherheit und Stabilität vergleichsweise gut da – ein Einäugiger unter den Blinden. Hinzu kommt: Wird die Welt unsicherer, gewinnen alte, „langweilige" Tugenden wieder an Wert: Verlässlichkeit, politische Stabilität, Rechtsstaatlichkeit. Während andere wichtige Investitionsstandorte mit hohen Staatsschulden und politischen Unsicherheiten kämpfen, kann Deutschland hier punkten.
Herr Albert, spüren die Unternehmen bereits eine Verbesserung?
Dr. Götz Albert: Anfang 2025 gab es eine Euphoriewelle, weil Deutschland die schwarze Null aufgegeben hat – ohne dass kurzfristig Geld der Bundesregierung zu den Unternehmen floss. Da kam internationales Kapital, das aber leider auch bald wieder abgezogen wurde. Heute kommt das Geld der Fiskalpakete tatsächlich in den Auftragsbüchern der Unternehmen in den Bereichen Infrastruktur und Verteidigung an.
Aber nicht nur da: Viele Unternehmen berichten von einer deutlich besseren Geschäftsentwicklung als erwartet. Es zeigt sich steigender Optimismus. Dabei sollte man nicht vergessen, dass zahlreiche deutsche Small und Mid Caps global tätig sind und von internationalen Trends profitieren.
Ein zentrales Thema ist die industrielle Nutzung künstlicher Intelligenz. Europas Stärke liegt weniger in den großen Technologieplattformen, sondern in der Anwendung von KI in Produktion, Automatisierung und Robotik. Gerade hier finden sich viele spezialisierte deutsche Unternehmen mit attraktivem Wachstumspotenzial.
Wo sehen Sie derzeit die größten Chancen für Anleger?
Albert: Besonders interessant sind häufig nicht die offensichtlichen Gewinner eines Trends, sondern deren Zulieferer. Der Ausbau von Rechenzentren, Infrastrukturinvestitionen oder neue Produktionskapazitäten schaffen Nachfrage für zahlreiche mittelständische Spezialunternehmen. Nehmen wir wieder das Beispiel künstliche Intelligenz: Siemens allein hat fünf bis sieben Milliarden Euro Auftragsbestand im Data-Center-Bereich – das zieht Zulieferer in der zweiten und dritten Reihe mit. Und unsere Aufgabe ist es dann, genau diese Unternehmen zu identifizieren, die davon profitieren, wie zum Beispiel in unserem Lupus alpha Smaller German Champions.
Viele dieser Unternehmen profitieren bereits von steigenden Aufträgen und einer verbesserten Preissetzungsmacht. Sie verfügen zudem über einen erheblichen operativen Hebel: Schon moderate Umsatzsteigerungen können sich deutlich in den Ergebnissen niederschlagen.
Welche Rolle spielen die sogenannten „vier Ds“ – Digitalisierung, Demografie, Dekarbonisierung und Deglobalisierung für Deutschland?
Matthes: Diese Trends bleiben die entscheidenden Herausforderungen der kommenden Jahre. Sie erzeugen Anpassungsdruck, bieten aber zugleich erhebliche Chancen. Künstliche Intelligenz kann die Produktivität steigern, die Energiewende schafft neue Märkte und eine Anpassung globaler Lieferketten eröffnet Perspektiven für europäische Unternehmen.
Strukturwandel ist nie schmerzfrei. Historisch gingen aus solchen Phasen jedoch oft stärkere und produktivere Unternehmen hervor. Entscheidend wird sein, ob Deutschland die notwendigen Anpassungen entschlossen umsetzt.
Herr Albert, macht Ihnen der Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt Sorgen?
Albert: International wettbewerbsfähige Unternehmen lassen sich davon nicht beirren. Gefährlich wird es, wenn man Wahlergebnisse wie dieses zum Anlass nimmt zu sagen: Wir brauchen noch mehr Umverteilung und noch weniger Investitionen, der vermeintlich starke Staat soll noch mehr Geld ausgeben. Genau das würde den Reformkurs verlassen – und das würde man auch außerhalb Deutschlands sehr kritisch sehen. Wir hoffen, dass die Politik hier standhält, weil es ökonomisch schlicht keine Alternative zu den eingeschlagenen Reformen gibt.
Ist jetzt der richtige Zeitpunkt für Investitionen?
Albert: Wer auf vollständige Sicherheit wartet, kommt oft zu spät. Viele Anleger investieren erst, wenn sich die positive Entwicklung bereits in den Kursen widerspiegelt. Aber: Richtiges Investieren fühlt sich nie gut an, das hat ein bekannter US-Stiftungsinvestor gesagt, nicht ich. Aber genau dieses Unbehagen ist meist der beste Zeitpunkt, um von einer wirtschaftlichen Verbesserung zu profitieren, bevor sie sich in der Performance zeigt.
Und Herr Matthes, was sagen Sie aus der volkswirtschaftlichen Perspektive?
Matthes: Volkswirtschaftlich hält sich die Lage aktuell die Waage – zwischen halb voll und halb leer. Doch die Hoffnung überwiegt: Wenn die Bundesregierung am eingeschlagenen Reformkurs festhält, könnte sich die Geschichte der Agenda 2010 wiederholen – ein zunächst unterschätzter Reformschritt, der sich im Rückblick als großer Wurf erweist.
Vielen Dank für das Gespräch!