Fast 100 Prozent der Aktienrendite – wie geht das?
Herr Führer, Ihr Fonds verspricht Aussicht auf „Fast 100 Prozent Aktienmarktrendite bei halb so hohen Schwankungen.“ Bei dem Satz lächeln viele Fondsselektoren höflich und verabschieden sich. Warum sollten wir jetzt weitermachen?
Weil Sie nachrechnen können. Seit Auflage im Januar 2008 hat der Fonds 7,38 Prozent pro Jahr erzielt, insgesamt 278,50 Prozent – nach allen Fondskosten und bei einer Volatilität von 7,93 Prozent.* Europäische Aktienmärkte schwankten mehr als doppelt so stark. Aber erst jetzt wird es interessant: Wer nur zur Hälfte in Aktien investiert ist, bekommt eigentlich auch nur die halbe Aktienrendite. Wir sind im Mittel netto sogar noch weniger investiert. Trotzdem haben wir fast die volle Rendite erreicht.
Ihr Fonds startete im Januar 2008. Wenige Monate später ging in der Finanzkrise beinahe die Welt unter. Gegen diesen Startpunkt sieht jede halbwegs abgesicherte Strategie aus wie ein Genie.
Richtig, ein Vergleich seit Auflage hängt immer am Startpunkt, deshalb sollte man ihn nicht allein betrachten. Aussagekräftiger sind Zeiträume, die mit der Finanzkrise nichts zu tun haben. Über drei Jahre liegt der Fonds bei plus 44 Prozent, über fünf Jahre bei plus 38 Prozent. In diesen fünf Jahren steckt auch die Zinswende 2022, die Nebenwerte besonders hart getroffen hat. Und 2025 hat gezeigt, dass die Strategie nicht von einem einzigen Crash lebt. Erst ging es steil nach oben, im April mit dem Liberation Day scharf nach unten, danach lange seitwärts. Der Fonds hat das Jahr mit plus 26,6 Prozent abgeschlossen.
Die halbe Aktienrendite kann ich mir auch selbst bauen: zur Hälfte ein Small-Cap-ETF, zur Hälfte Geldmarkt. Für einen Bruchteil Ihrer Gebühren. Bleibt die Frage, woher bei Ihnen die andere Hälfte kommt.
Die kommt aus Quellen, die ein Indexprodukt nicht hat: Einzeltitelauswahl in einem Universum mit rund 2.000 europäischen Nebenwerten. Leerverkäufe von Unternehmen, deren Geschäftsmodell unter Druck gerät. Sondersituationen wie Übernahmen, Spin-offs oder Squeeze-outs. Dazu kommt die Absicherung: Über Derivate passen wir die Aktienquote schnell an, wenn sich die Lage am Markt dreht. Wir nutzen alle Chancen – All Opportunities eben.
All Opportunities finde ich als Einordnung schwierig. In welchen Bucket soll ich Sie denn nun packen?
Wir sind kein Standardprodukt, kein Long Only Fonds und auch kein ETF-Ersatz. Was wir suchen, ist der Sweet Spot zwischen Rendite und Risiko, mit all unseren Möglichkeiten. Und das haben wir mit einer Sharp Ratio von 0,84 seit Auflage gut erreicht. Wichtig ist uns eine defensive Positionierung bei gleichzeitiger Nutzung der Chancen.
Defensiv heißt nicht schmerzfrei
Maximaler Drawdown: minus 23 Prozent. Steht so auf Ihrer Website. Ist das Ihre Definition von defensiv?
Die minus 23 Prozent stammen aus dem Corona-Crash im Frühjahr 2020. Es ist der größte Rückgang in der Geschichte des Fonds. Europäische Small Caps haben in denselben Wochen gut 41 Prozent. Unser Verlust lag also bei etwa der Hälfte des Marktverlusts. Defensiv heißt nicht verlustfrei. Es heißt, dass wir in schweren Phasen deutlich weniger verloren haben als der Markt. Spannend ist das Gesamtbild: Auf zwölf Monate bis Ende September 2020 gerechnet, also einschließlich des Crashs, stand der Fonds bei minus 0,75 Prozent. In den zwölf Monaten danach legte er um 29 Prozent zu.
Sie beschreiben den Fonds als weitgehend unabhängig von der Entwicklung des Marktes. Gleichzeitig weisen Sie eine Korrelation von 0,6 zu europäischen Small Caps aus. Was stimmt denn nun?
Beides, je nach Maßstab. Ein Long-only-Fonds läuft fast im Gleichschritt mit seinem Index, gemessen daran ist 0,6 deutlich weniger. Statistisch heißt das: Die Entwicklung der europäischen Small Caps erklärt nur gut ein Drittel der Schwankungen unseres Fonds. Der Rest hängt an unseren Einzelentscheidungen, nicht an der Richtung des Marktes. Für Anleger mit einem gemischten Portfolio ist eine zweite Zahl wichtiger: Zu deutschen Staatsanleihen liegt die Korrelation bei minus 0,13. Im Mischportfolio diversifiziert der Fonds also, und er eignet sich auch als Alternative zu einem klassischen Mischfonds.
Was heißt hier „All Opportunities“?
Long, Short, Sondersituationen, Pair Trades, Wandelanleihen, Micro Caps, Large Caps, Derivate. Gibt es irgendetwas, das Sie nicht dürfen?
Der Name ist breiter als die Strategie. Im Kern suchen wir Hidden Champions: Marktführer in ihrer Nische, mit Preissetzungsmacht und einem starken Management, die von strukturellen Trends profitieren. Ergänzend kommen Large Caps und Wandelanleihen ins Portfolio, wenn sie eine Sondersituation bieten, Micro Caps nur vereinzelt. Pair Trades setzen wir vereinzelt und sehr gezielt ein. Das „All“ im Namen steht für diese Ergänzungen, nicht für Beliebigkeit. Und es gibt klare Grenzen. Der Fonds ist ein OGAW, also ein regulierter Publikumsfonds mit täglicher Rückgabe, Streuungsvorschriften und Limits für Derivate und Kredite. Leerverkäufe laufen deshalb ausschließlich über Derivate. Und voll investiert sind wir nie: Die Netto-Aktienquote liegt strukturell unter 100 Prozent.
Sie haben Börsengänge als Sondersituation genannt, mit der sich Rendite erzielen lässt. Gleichzeitig haben Sie auch schon gesagt, bei IPOs wollen Sie sich nicht die Finger verbrennen. Was denn nun?
Beides stimmt. Ein Börsengang kann eine Sondersituation sein, in der Informationen noch nicht eingepreist sind. Zurzeit kommen aber wenige interessante Unternehmen an die Börse, und wenn, dann oft aus überteuerten Trendbranchen. Dazu kommt: Bei börsennotierten Unternehmen kennen wir das Management oft seit Jahren und verstehen die Werttreiber. Bei einem Neuling fehlt diese Historie, da lässt sich kaum ein echter Vorsprung erarbeiten. Deshalb sind wir bei IPOs sehr wählerisch.
Und die Derivate? Sie drehen die Aktienquote rauf und runter, man könnte das auch Market Timing nennen…
Market Timing im klassischen Sinn heißt: ganz rein oder ganz raus, je nachdem, wohin man den Markt laufen sieht. Das machen wir nicht. Unsere Aktienquote bewegt sich immer in einem defensiven Rahmen, und innerhalb dieses Rahmens passen wir sie an, wenn sich die Lage verändert. Eine Markteinschätzung steckt darin, das bestreite ich nicht. Aber das Ziel ist ein anderes. Wir wollen nicht den perfekten Zeitpunkt treffen, sondern verhindern, dass ein Einbruch voll auf den Fonds durchschlägt. Über Derivate geht das schnell und effizient, ohne dass wir dafür das Aktienportfolio umbauen müssen. Diese Absicherung hat ihren Preis: In steigenden Märkten kostet sie Rendite, und das nehmen wir bewusst in Kauf. Ob sich der Ansatz auf Dauer lohnt, zeigt die Sharpe Ratio, also die Rendite pro Risikoeinheit. Sie liegt beim Fonds bei 0,84. Europäische Small Caps kommen langfristig auf rund 0,42.
Pair Trades, Aktie A gegen Aktie B. Das ist Hedgefonds-Handwerk. Wie erklären Sie das einem Stiftungsvorstand?
In gewisser Weise haben Sie recht. Pair Trades kommen aus der Hedgefonds-Welt, und im Grunde verfolgt unser Fonds eine Hedgefonds-Strategie im Mantel eines europäisch regulierten Publikumsfonds. Zum Pair Trade: Wir kaufen ein Unternehmen, das wir für stärker halten, und verkaufen gleichzeitig einen vergleichbaren Wettbewerber aus derselben Branche leer. Fällt die ganze Branche, gleichen sich Gewinn und Verlust weitgehend aus. Entscheidend ist nur, ob sich unser Favorit besser entwickelt als der Wettbewerber. Wir verdienen also an unserer Einschätzung der Unternehmen, nicht an der Richtung des Marktes. Verglichen mit einem einfachen Aktienkauf ist das Marktrisiko dabei sogar kleiner. Für eine Stiftung, die Verluste begrenzen muss, spricht das eher dafür als dagegen.
Leerverkäufe in Nebenwerten. Die sind teuer, und gehandelt wird oft wenig. Ein Short Squeeze, und Ihr Quartal ist gelaufen. Wie gut schlafen Sie eigentlich?
Sehr gut. Die Frage ist trotzdem berechtigt, denn ein Short in einem engen Markt kann schnell wehtun. Deshalb achten wir auf Hinweise aus unseren rund 1.500 Unternehmensgesprächen im Jahr: ein Geschäftsmodell, das unter Druck gerät, Produkte, die austauschbar werden, oder ein Management, das wiederholt enttäuscht hat. Das Risiko einzelner Positionen begrenzen wir mit breiter Streuung, strengen Kriterien bei der Titelauswahl und regelmäßigen Stresstests. Außerdem sind Leerverkäufe nicht allein eine Wette auf fallende Kurse. Sie senken auch die Netto-Aktienquote und sind damit Teil dessen, was den Fonds defensiv macht.
Wie viele Ihrer Shorts gehen schief?
Wir verfolgen mit dem Fonds im Kern eine europäische Nebenwerte-Strategie. Die weiteren Instrumente setzen wir sehr punktuell ein, auch Shorts. Aber natürlich, wir liegen nicht immer richtig. Entscheidend ist, dass die Verluste begrenzt bleiben. Das haben wir mit unserem Risikomanagement im Griff – auch, weil wir regelmäßig Stresstests durchführen. Um das Gesamtrisiko zu reduzieren, achten wir auf eine breite Diversifizierung und haben strenge Kriterien bei der Einzeltitelauswahl.
51 Prozent in zwei Ländern
Italien 33 Prozent, Griechenland 19 Prozent. Das ist gut die Hälfte des Fonds in zwei Ländern. Ist das noch ein Europafonds oder schon ein Südeuropa-Regionalfonds?
Die Länderverteilung ist ein Ergebnis, kein Ziel. Wir entscheiden Titel für Titel. In Italien und Österreich finden wir derzeit viele substanzstarke, oft unterbewertete Familienunternehmen. Aus Österreich halten wir etwa die Versicherer Uniqa und Vienna Insurance, die in Osteuropa stark wachsen. Andritz, Do & Co und Strabag sind schon lange im Portfolio.
Sie schwärmen von übersehenen Perlen. Gleichzeitig verschwinden in Italien solide Familienunternehmen reihenweise von der Börse. Ist das ein Abgesang auf Ihren Markt?
Es zeigt vor allem, dass diese Unternehmen an der Börse zu niedrig bewertet sind. Wer sie von der Börse nimmt, sieht einen Wert, den der Markt übersieht. Für uns kann ein Delisting eine Sondersituation sein: Steht ein Squeeze-out bevor, investieren wir gezielt.
Sie sagen, KI, Infrastruktur und Verteidigung sind „schon ziemlich eingepreist“. Gleichzeitig gewichten Sie AT&S hoch, einen KI-Zulieferer. Und zu Ihren größten Positionen gehört Metlen, ein Konzern mit Energieinfrastruktur und Rüstungssparte. Kaufen Sie, was Sie selbst für teuer halten?
Nein. Eingepreist ist ein Trend vor allem dort, wo alle hinschauen, also bei den großen Tech-Werten und den naheliegenden Profiteuren. In der zweiten Reihe sieht das anders aus. Viele Nebenwerte profitieren vom Energiehunger der KI oder von den Infrastrukturprogrammen, obwohl sie auf den ersten Blick gar nichts damit zu tun haben. AT&S ist so ein Fall. Der österreichische Halbleiterspezialist profitiert stark vom Boom der großen Tech-Konzerne, ist aber selbst ein Nebenwert. In diesem Jahr war die Aktie einer unserer besten Performancetreiber. Ein anderer Wert, Metlen, ist kein reiner Rüstungswert. Der griechische Konzern betreibt als einziger in der EU eine vollständig integrierte Produktionskette von Bauxit bis Primäraluminium. Er profitiert von den Investitionen in Energieinfrastruktur und hat seinen Rüstungsbereich früh aufgebaut.
Wer verliert durch KI?
Unternehmen mit austauschbaren Produkten und Dienstleistungen. Die hatten es schon immer schwer, KI verstärkt den Trend nur. Das sind übrigens dieselben Kriterien, nach denen wir Kandidaten für Leerverkäufe suchen.
Metlen ist ein griechischer Konzern – Griechenland hatte ich gar nicht auf dem Zettel.
Es ist nicht nur Metlen. Gerade weil viele Anleger noch an die Schuldenkrise denken, sehen wir dort Chancen. Die Indexanbieter haben ihr Bild bereits korrigiert: STOXX hat Griechenland zum entwickelten Markt hochgestuft, und Metlen gehört zu den neun griechischen Unternehmen, die seit September im Stoxx 600 stehen. Performancetreiber für unseren Fonds sind vor allem neue Trends, und dieser ist noch jung. Griechische Aktien gehören jetzt zum Anlageuniversum vieler Fonds, die sich an Indizes für entwickelte Märkte orientieren. Da entstehen neue Gelegenheiten.
Ihr Fonds schüttet aus. Dividenden spielen bei der Aktienauswahl aber keine Rolle. Merken Ihre Anleger den Widerspruch?
Es ist keiner. Ob der Fonds ausschüttet, ist eine Eigenschaft der Anteilsklasse. Ausgeschüttet werden die Erträge des Fonds, und dazu können auch realisierte Kursgewinne gehören, nicht nur Dividenden. Bei der Auswahl der Aktien zählt für uns das Kurspotenzial. Wie ein Unternehmen seine Gewinne verwendet, beurteilen wir im Einzelfall. Wenn eine Fusion Synergien bringt oder das Geld in Wachstum mit höheren Erträgen fließt, ist mir das lieber als eine hohe Dividende. Für unsere Anleger zählt am Ende der Gesamtertrag. So rechnen wir auch unsere Wertentwicklung: Ausschüttungen sind darin rechnerisch wieder angelegt.
Wie war die Performance des Lupus alpha All Opportunities Fund in den vergangenen 12 Monaten?
Seit Ende September 2025 liegen wir bei einem Plus von knapp 21 Prozent, seit Jahresbeginn bei gut 17 Prozent. Nach Kosten wohlgemerkt.
Wie kommen Sie jetzt auf Ihre nächsten Anlageideen?
Vor allem im Gespräch. Im September war ich auf fünf Konferenzen in sechs Wochen. Allein in Mailand hatte ich rund zwanzig Meetings, viele davon Einzelgespräche mit Managementteams. Und ich fahre direkt zu den Unternehmen – Präsentationen zeigen die Strategie, wie es wirklich tickt, sieht man erst vor Ort. Dabei teilen wir uns auf: Ich konzentriere mich auf Österreich, Polen und Griechenland, Kollegen übernehmen andere Länder. Die besten Ideen entstehen aus langen Beziehungen. Griechische Unternehmen verfolge ich seit 2006, die ersten Positionen haben wir drei Jahre vor der Hochstufung aufgebaut.
Der Stuhl ist noch warm. Wen sollen wir als Nächstes grillen?
Den Markt. Der muss mir erklären, warum Nebenwerte gegenüber Large Caps immer noch so günstig sind.
*Quelle: Bloomberg, Lupus alpha. Wertentwicklung des Lupus alpha All Opportunities Fund C, Auflage am 21.01.2008. Bruttowertentwicklung (BVI-Methode): Die Bruttowertentwicklung berücksichtigt bereits alle auf Fondsebene anfallenden Kosten (z.B. Verwaltungsvergütung) und geht von einer Wiederanlage eventueller Ausschüttungen aus. Die auf Kundenebene anfallenden Kosten wie Ausgabeaufschlag und Depotkosten sind nicht berücksichtigt. Sofern nicht anders angegeben entsprechen alle dargestellten Wertentwicklungen der Bruttowertentwicklung. Wertentwicklungen in der Vergangenheit sind kein verlässlicher Indikator für die künftige Wertentwicklung.