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27.02.2024

Gehören Rüstungsaktien ins Portfolio?

Keiner hat es sich gewünscht, und die täglichen Nachrichten über den Krieg in der Ukraine hört niemand gern. Aber die Welt hat sich seit dem russischen Überfall vor genau zwei Jahren massiv geändert – und mit ihr die politische und öffentliche Einstellung zu Rüstungsgütern. Plötzlich ist uns nicht nur der Name "Leopard" für einen deutschen Kampfpanzer geläufig, sondern auch der Name "Gepard" für einen Flugabwehr-Kanonenpanzer oder "Taurus" für einen Marschflugkörper mit besonders hoher Reichweite. Anlass genug, auch aus Investorensicht einmal kritisch auf die Hersteller von Rüstungsgütern zu schauen. 

Haben Sie heute morgen vielleicht einen Kaffee oder eine Zeitung gekauft? Falls ja, haben Sie damit Rüstungsgüter finanziert bzw. den deutschen Staat in die Lage versetzt, Rüstungsgüter zu kaufen, die durch Ihre Steuern bezahlt werden. Der Bundeshaushalt für 2024 hat ein Volumen von rund 477 Mrd. Euro. Davon sind 52 Mrd. Euro für den Verteidigungshaushalt vorgesehen. Zusätzlich stehen etwa 20 Mrd. Euro aus dem Sondervermögen Bundeswehr bereit. Aus diesen Mitteln wird unter anderem die Anschaffung von Rüstungsgütern und Munition bezahlt. 

Indirekt finanziert also jeder von uns täglich Rüstungsgüter. Kann und sollte man aber auch in Aktien von Rüstungsgüterherstellern investieren?

Im deutschen Aktienuniversum gibt es nur eine Handvoll Rüstungsunternehmen. Dazu gehören Rheinmetall (Kampfpanzer, Schützenpanzer, Munition etc.), Hensold (Sensortechnologie, Elektronik), Renk (Getriebe für Panzer, aber auch für Windkraftanlagen) und MTU Aero Engines (Triebwerke und Turbinen). Daneben gibt es eine Reihe nicht börsennotierter Rüstungsunternehmen wie KraussMaffei, Diehl Defence etc.


Wie gehen wir als institutioneller Investor mit dem Erwerb von Rüstungsaktien um? 

Für Fonds oder Mandate, in denen Rüstungsaktien über Listen oder entsprechende Kriterien ausgeschlossen sind, dürfen diese nicht erworben werden. Neben fossilen Brennstoffen, Tabak und Gentechnik ist das Thema Rüstung eines der häufigsten Ausschlusskriterien. In Nachhaltigkeitsfonds gibt es daher in der Regel keine Rüstungsaktien, auch wenn die genaue Definition des "S" im ESG-Kanon in Brüssel noch aussteht. Auch in unsere eigenen nachhaltig ausgerichteten Publikumsfonds kaufen wir keine Papiere von Rüstungsherstellern. 

Für Fonds, in denen Rüstungsaktien nicht ausgeschlossen sind, können sie erworben werden. So wie jedes andere Industrieunternehmen auch unterliegen sie dann unseren fundamentalen Kriterien bei der Bewertung der Bilanz, der Gewinn- und Verlustrechnung und der Einschätzung des Geschäftsmodells – mit der einzigen Besonderheit, dass wir hier nicht zu einer Einschätzung kommen müssen, ob die Produkte einen Markt finden und auch zukünftig nachgefragt werden, da wir eine staatliche Nachfrage unter den neuen Realitäten als gegeben voraussetzen.


Seit dem Krieg in der Ukraine planen alle Länder, stärker in Verteidigung zu investieren.

Zu dem aggressiven Verhalten Russlands kommt die Befürchtung, dass der Schutz durch die US-Streitkräfte für die Zukunft nicht mehr als sicher angenommen werden kann. Der mögliche Wieder-US-Präsident Donald Trump hatte bei einer Wahlkampfveranstaltung kürzlich bereits angekündigt, Nato-Mitglieder, die weniger als vereinbart für ihre Verteidigung ausgeben, nicht mehr beschützen zu wollen. Da Europa – Status quo – nicht allein verteidigungsfähig ist, müssen wir zum Zwecke der Selbstverteidigung wohl oder übel aufrüsten. Selbst die atomare Aufrüstung ist in Europa kein Tabuthema mehr. Dass ein deutscher Bundeskanzler öffentlichkeitswirksam neben Panzern posiert – wie kürzlich beim Besuch von Olaf Scholz in der neu entstehenden Rüstungsfabrik von Rheinmetall in der Lüneburger Heide – hätte ich vor einigen Jahren ebenfalls nicht für möglich gehalten.

Auch wenn man es sich anders wünschte: So wie der Krieg eine beklagenswerte Konstante der gesamten Menschheitsgeschichte ist, so ist die Hoffnung, dass man ihn zumindest in Europa überwunden hat, seit dem Überfall auf die Ukraine verflogen.


Bei der Investition in Rüstungsaktien sind aber noch weitere, unbequeme Fragen zu beantworten: 

  • Können Rüstungsgüter für andere als für die vorgesehenen Zwecke eingesetzt werden? Ja, so wie jedes andere Produkt auch. In den Nachrichten sieht man oft alte Mercedes-Lastwagen oder Toyota Pick-Ups, auf denen Truppen oder Gefangene transportiert werden. Viele Produkte haben eine solche „Dual-Use“-Verwendung, können also für zivile wie für militärische Zwecke eingesetzt werden. Das gilt selbst für so harmlose Produkte wie Kühlschränke, aus denen Chips ausgebaut werden, die wegen Sanktionen für die militärische Produktion fehlen. Waffen sind natürlich nicht harmlos, denn sie töten Menschen. Daher ist der Umgang mit ihnen auch von vornherein streng zu reglementieren, um einen Missbrauch auszuschließen.
     
  • Ist es ethisch vertretbar, in Rüstung zu investieren? Das muss Jede(r) für sich selbst entscheiden. Nicht zu investieren und ein gutes Gewissen zu haben, ist bequem. Fakt ist aber, dass viele Rüstungshersteller Schwierigkeiten haben, sich über Bankkredite und bisher auch über den Kapitalmarkt zu refinanzieren. Wenn man das konsequent zu Ende denkt, d.h. dass kein ausreichendes privates Kapital zur Verfügung steht, Deutschland aber an seinem Verteidigungsansatz festhält, bleibt nur ein staatlicher Komplex. Staatsbetriebe waren aber in der Vergangenheit noch nie effizient und langfristig erfolgreich. Im Falle eines Angriffs hätte man da vielleicht doch gern einen Plan B...
     
  • Kaufen wir gern Rüstungsaktien? Nein. Das gilt aber auch für viele andere Aktien. Kaufen wir zum Beispiel gern Aktien von Entwicklern elektronischer Spiele? Fondsmanager, die selbst gern spielen, vielleicht. Manager, die sich gerade mit ihren Kindern auseinandersetzen, dass nicht die ganze Nacht durchgespielt werden darf, eher nicht. Machen wir solche Befindlichkeiten zur Grundlage unserer Investitionsentscheidung? Nein. Eine Rüstungsaktie ist vor diesem Hintergrund eine von vielen Aktien in unserem Anlageuniversum.
     

Abschreckungspolitik leistet einen wichtigen Beitrag zur Erreichung der globalen Klimaziele 

Neben dem Krieg stehen wir noch vor einer weiteren großen Herausforderung: dem Klimawandel. Beide Themen sind nicht unabhängig voneinander. In allen industriellen Prozessen und im privaten Verhalten wird derzeit versucht, die CO2-Emissionen zu reduzieren. Ein Krieg ist jedoch außerordentlich umweltschädlich, der CO2-Fußabdruck ist enorm! Neben den direkten Emissionen - es gibt keine elektrisch betriebenen Panzer, Flugzeuge oder Kriegsschiffe - gibt es unermesslich hohe indirekte Emissionen, da zerstörte Infrastruktur und Gebäude wieder aufgebaut werden müssen. Und wer einmal die Bilder einer brennenden Raffinerie gesehen hat, bekommt eine Vorstellung von der mit Krieg verbundenen Umweltbelastung. 

Eine durch Rüstungsgüter funktionierende Abschreckungspolitik und die Verhinderung eines Krieges ist somit zwingende Voraussetzung dafür, dass wir unsere Klimaziele überhaupt erreichen können. Klimapolitik hat beim Kampf ums Überleben schlichtweg keine Priorität mehr. Daher ist Frieden eine absolute Vorbedingung für das Gelingen einer globalen Klimapolitik. 


Was heißt das nun aus Investorensicht? 

Wichtig ist, dass Investoren bei diesem sensiblen Thema die Wahlmöglichkeit haben. Es ist absolut nachvollziehbar, wenn jemand Investitionen in Rüstung und Verteidigung ausschließen möchte. Dafür gibt es ausreichend Anlageoptionen. In einem nicht reglementierten, breit diversifizierten Aktienportfolio halten wir Rüstungsaktien aber für möglich und investierbar.

Weitere Informationen
Allgemeine Fragen oder Anregungen:
Annett Haubold
PR-Managerin, Communications
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Pressesprecherin, Communications
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