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31.03.2026

KI braucht Industrie – bis in die letzte Nische!

Die neue Ausgabe der Lupus alpha Kolumne leitwolfs view

Während neue KI-Modelle die Preismacht der etablierten Software-Anbieter unter Druck setzen, fließt das Kapital der großen KI-Marktführer dorthin, wo Technologie anfassbar wird: in Automatisierung, Leistungselektronik, Systemintegration. Hier liegen die Stärken Europas mit seinem dichten Ökosystem an Zulieferern und Spezialanbietern. Aktuell prägt zwar der Krieg im Iran die Märkte, doch wir richten hier den Blick bewusst auf eine langfristige strukturelle Entwicklung, die über akute Konflikte hinausreicht.

von Dr. Götz Albert, Managing Partner und CIO von Lupus alpha

Am 20. August 2011 veröffentlichte der Internet-Pionier Marc Andreessen den Aufsatz „Why Software is Eating the World“. Der Gründer von Netscape meinte damit die Durchdringung aller Branchen mit Software – dem Treibstoff für Plattformökonomie, Netzwerkeffekte und den Aufstieg von Big Tech.

Heute wäre es an der Zeit für einen neuen Aufsatz mit dem Titel „Why AI Is Eating Software“. Denn seit Oktober erleben wir an den Börsen eine breite Korrektur bei Software-Titeln, die sich im laufenden Jahr fortsetzte: In nur wenigen Wochen verloren prominente Software-Aktien etwa ein Viertel ihrer Börsenbewertung. An den Börsen machte der Begriff „KI-Angst 2.0“ die Runde – ein Stimmungseinbruch, der die hohen Bewertungen von „Software as a Service“ in Frage stellt und auf der Einsicht basiert, dass KI nicht nur neue Märkte erschließt, sondern auch etablierte, margenstarke Software disruptieren kann.

KI wird zum Commodity

Doch auch die „Hyperscaler“ Microsoft, Alphabet, Amazon und Meta mussten an den Börsen Federn lassen. Denn die Zweifel an den bislang eingepreisten Gewinnerwartungen aus KI nehmen zu. Zudem ist keineswegs ausgemacht, dass sie angesichts junger Herausforderer wie Anthropic, OpenAI oder DeepSeek die Gewinner des KI Rennens sein werden – oder wer spricht heute noch von Yahoo und AOL?

Entsprechend treiben vor allem die vier Hyperscaler ihre KI-Investitionen in nie dagewesene Höhen. Schätzungen gehen derzeit von 600–700 Mrd. US Dollar allein in diesem Jahr aus. Kapital ist also genug vorhanden, doch zunehmend treten andere Engpässe zutage: KI-Modelle brauchen wachsende Rechenleistung, mehr Speicher und steigende Netzkapazität – und das auf Jahre.

Und noch etwas dämmert den Investoren – verhalten, aber zunehmend: Neue Technologien, die zunächst zum Hype werden, werden irgendwann zu Infrastruktur. Auch KI wird sich früher oder später zum Commodity entwickeln, zum Grundgut, das überall günstig verfügbar ist – wie Elektrizität, Internet, Speicherplatz oder Cloud-Rechenleistung.

Wer hier nur einen kurzfristigen Stimmungsumschwung vermutet, übersieht das größere Bild. Denn Branchenschwerpunkte wechseln an den Märkten in langen Wellen. Und wer sagt, „dieses Mal ist alles anders“, der ignoriert die Geschichte:

In den 1950ern dominierten Industrie und Fertigung, in den 1960ern Konsum & Elektronik, es folgten Energie & Rohstoffe in den 1970ern, Banken in den 1980ern (insbesondere Japan), das Internet in den 1990ern, Rohstoffe & Emerging Markets in den 2000ern, Plattform Ökonomie in den 2010ern – und seit den 2020ern prägen Technologie & KI den Takt. Dass Branchendominanzen wechseln, ist die Regel, nicht die Ausnahme.

Kapazitäten in der realen Welt werden zum Engpass der KI-Ökonomie 

Ein solcher Wechsel deutet sich jetzt für die kommenden Jahre an: weg von der reinen Software und KI-Euphorie, hin zu physischer Wertschöpfung, die KI-Investitionen erst ermöglicht und absichert. Eine Zeit der „Schaufel-Industrien“ bricht an, wie damals im Goldrausch, als nicht jeder Goldsucher gut verdient hat, die Hersteller der Schaufeln aber schon. Immer stärker rückt die Frage in den Vordergrund: Welche realwirtschaftlichen Kapazitäten werden neu und in großem Stil gebraucht, wo entstehen Engpässe, wo etablieren sich Preissetzungsmacht und nachhaltige Renditen?

Genau an diesem Punkt entfaltet KI ihren zweiten, oft unterschätzten Effekt: Sie reindustrialisiert Wertschöpfung. Denn die gleiche Technologie, die digitale Geschäftsmodelle aushöhlt, erzwingt eine analoge, kapitalintensive Gegenbewegung: den sogenannten „Halo Trade“. Der steht für „Heavy Assets, Low Obsolescence“, also für „kapitalintensive, langlebige Sachwerte". Das sind Unternehmen mit schwer replizierbarer Substanz, deren Nutzen lang anhält und deren Produkte nicht im 18-Monats-Takt veralten und die in Sektoren beheimatet sind, die von der physischen KI-Skalierung profitieren und zugleich weniger disruptiv bedroht sind. Wir nennen diese Unternehmen "Enabler" – die Werkbank hinter der KI.

Europas Industrie bekommt Rückenwind

Hier kommt Europa zurück ins Spiel, mit der passenden Industrie-DNA, Ingenieurskunst und Fertigungstiefe. Die Suche nach Unternehmen, die von dieser Entwicklung profitieren, führt selten zu den Index-Schwergewichten, sondern vielmehr in die zweite Reihe – dorthin, wo Zulieferer und spezialisierte Anbieter entlang der Wertschöpfungskette verdienen. Viele europäische Small & Mid Caps sind in den Bereichen Weltspitze, die der KI-Investitionszyklus benötigt: Power Electronics, Sensorik, Automatisierung, Thermomanagement, Systemintegration. Sie planen, vernetzen, bauen aus und profitieren dabei von lange laufenden Auftragszyklen, Eintrittsbarrieren und dem Engpass-Charakter ihrer Leistung.

Diese Impulse wirken zunehmend in die Realwirtschaft hinein: Auftragsbücher entlang der Industrieketten füllen sich, während Anleger selektiver zwischen „Story“ und Cash-Flow-Reife unterscheiden. Europas Mittelstand ist dafür ideal – breit diversifiziert, dicht vernetzt, nahe am Kundenproblem. Hinzu kommt ein gesundes Bilanzbild mit soliden Verschuldungsgraden, die Spielraum für Investitionen schaffen. Für Investoren bedeutet das: Aktives Stock Picking jetzt – bevor die Commodity-Logik der KI an den Börsen durchschlägt.
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Wie sehen Sie die Chancen für Europa, die sich aus KI ergeben?

Ich freue mich über Ihre Einschätzungen unter leitwolfsview@lupusalpha.de

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Annett Haubold
PR-Managerin, Communications
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