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26.08.2025

Reform der Rente: Mission impossible?

Die neue Ausgabe der Lupus alpha Kolumne leitwolfs view

Kiss-Cam auf dem Coldplay-Konzert, beißender Wels im fränkischen Brombachsee, Betrugsprozess gegen Jimmi Blue Ochsenknecht –  der Sommer 2025 hat auf den Nachrichtenseiten wieder mit einigen Aufregern aufgewartet. Etwas trockener kamen zwei andere Themen daher, die aber für mindestens genauso viele hitzige Debatten sorgten: der DIW-Vorschlag eines „Boomer-Soli“ und die Forderung unserer Wirtschaftsministerin Katherina Reiche nach längeren Arbeitszeiten.

von Ralf Lochmüller, Gründungspartner und CEO von Lupus alpha

Mit ihrem Vorstoß „Rente mit 70“ war Katherina Reiche ziemlich allein auf weiter Flur, auch aus den eigenen Reihen kam Kritik. Dabei hat sie im Kern absolut recht: Unser Rentensystem muss dringend reformiert werden.

Ich saß neulich mit ein paar jungen Leuten um die 30 zusammen – für einen Ü60-Jährigen wie mich ja immer wieder spannend. Neben dem Transfer von Florian Wirtz von Leverkusen zum FC Liverpool für 150 Millionen Euro (!) kamen wir auf „Boomer-Soli“ und Reiche-Vorschlag. Einer rechnete mir vor, dass er schon jetzt auf sein Einkommen 45 Prozent Steuern und Sozialabgaben zahlen müsse. Aussichten auf eine halbwegs auskömmliche Rente: miserabel. Dazu ist klar, dass die Sozialabgaben auf das Einkommen noch steigen werden. Für 2060 werden für die gesetzliche Rentenversicherung Beitragssätze von 24 Prozent prognostiziert, nach 18,6 Prozent aktuell. Für die gesetzliche Kranken- und Pflegeversicherung sieht es ähnlich düster aus. Erstaunt hat mich die mitschwingende Empörung nicht. Es erstaunt mich vielmehr, dass die jungen Menschen nicht auf die Barrikaden gehen. „Wo bleiben eigentlich bei diesem so wichtigen Thema die ‚Fridays for Vorsorge‘?“, formulierte es ein FAZ-Redakteur einmal treffend.

Die gesetzliche Rente ist nicht reformierbar

Was in Sachen Rente von der aktuellen Regierung kommt, ist wenig ermutigend. Gerade hat das Kabinett die Stabilisierung des Rentenniveaus von 48 Prozent bis 2031 beschlossen. Außerdem wurde die Ausweitung der Mütterrente auf Drängen der CSU abgenickt. Der Koalitionsvertrag sieht zudem vor, an der abschlagsfreien Rente nach 45 Jahren festzuhalten, ebenso am Renteneintrittsalter von 67 Jahren. Erst 2029 (!) soll die Entwicklung des Beitrags und des Bundeszuschusses evaluiert werden. Die „Aktivrente“, also die steuerfreie Zuverdienstmöglichkeit für Rentner, hilft ohnehin allenfalls gegen den Fachkräftemangel am Arbeitsmarkt. 

Fakt ist: Unser Rentensystem funktioniert heute nicht mehr. Die Zahlen sind bekannt. 1960 finanzierten noch sechs Beitragszahler einen Rentner, 2050 dürften es nur noch 1,3 Beitragszahler sein. Allerdings zeigen die Reaktionen auf den Reiche-Vorschlag einmal mehr: Grundlegende Reformen der GRV sind schwierig bis unmöglich – Mission impossible. Nicht zuletzt, weil meine Generation, die Boomer, die größte Wählerschaft ausmacht und jede Regierung, egal welcher Couleur, auf Kosten der jungen Generation opportunistisch Klientelpolitik betreibt.

Die Betriebsrente muss konsequenter ausgebaut werden

Für aussichtsreicher halte ich Reformen der zweiten und dritten Säule der Altersvorsorge: der betrieblichen Altersversorgung (bAV) und privaten Altersvorsorge. Leider haben bislang nur 54 Prozent der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten Anspruch auf eine Betriebsrente. Die Pläne der neuen Regierung gehen zumindest in die richtige Richtung. Der auf Konzepten der Ampel-Regierung basierende aktuelle Referentenentwurf für das Zweite Betriebsrentenstärkungsgesetz (BRSG 2.0) könnte Mitte September als Regierungsentwurf verabschiedet und dann in den Bundestag eingebracht werden. Unter anderem soll es kleinen Unternehmen ohne Tarifvertrag ermöglicht werden, sich bestehenden Systemen anzuschließen. Hier wäre meines Erachtens allerdings noch viel mehr nötig, etwa in Sachen steuerliche Förderung. Und die konsequente Einführung eines Opting-Out-Modells.

Wie wertvoll verpflichtende Betriebsrenten sind, weiß ich übrigens aus eigener Erfahrung: Als ich 1983 in Duisburg meinen ersten Job antrat, zahlte ich von Tag eins in die BVV ein, die betriebliche Altersversorgung der Finanzbranche. Die erste monatliche Einzahlung betrug damals 80 DM, also 40 Euro. Davon ging ein Drittel auf meine Kappe (obligatorisch!), zwei Drittel zahlte der Arbeitgeber. Hätte ich mich damals freiwillig dafür entschieden? Wahrscheinlich nicht. Ich hätte das Geld wohl lieber in eine Stadionkarte für den MSV Duisburg gesteckt. Doch ich musste. Und so haben sich die Einzahlungen summiert. Ab 65 werde ich nun eine monatliche BVV-Rente von 1.458 Euro erhalten - immerhin.

Mit flexibleren Anlagevorgaben hätte das allerdings noch viel mehr sein können. Auch da ist jetzt wenigstens etwas passiert: Im Februar hat das Bundesfinanzministerium die Anlageverordnung gelockert. Demnach können Einrichtungen der bAV bei der Kapitalanlage nun mit bis zu 5 Prozent des Sicherungsvermögens in Infrastrukturprojekte investieren. Außerdem wurde die Quote für Risikokapital von 35 auf 40 Prozent erhöht. Aber auch hier: Das ist viel zu wenig! Um die Chancen am Kapitalmarkt effektiv zu nutzen, braucht es Aktienquoten von 60 Prozent!

Private Altersvorsorge: Stärkere Förderung von Aktienanlagen nötig

Am Ende ist es aber die private Altersvorsorge, die den entscheidenden Unterschied macht. Vor allem, wenn in Aktien investiert wird. Hier kann der Zinseszinseffekt, den die meisten völlig unterschätzen, seine volle Wirkung entfalten. Eine Aktienanlage wie die Modelle in Schweden oder Norwegen zu fördern, davor schreckt unsere Regierung aber leider immer noch zurück. Die geplante „Frühstart-Rente“ ist zwar ein kleiner Anfang. Die soll junge Menschen an den Kapitalmarkt heranführen. Konkret soll jedes Kind vom 6. bis 18. Lebensjahr pro Monat 10 Euro vom Staat bekommen. Da muss aber noch viel mehr passieren, wie zum Beispiel die Überführung in ein steuerfreies Vorsorgedepot nach dem 18. Lebensjahr!

Der Vorschlag von Katherina Reiche hat mich daher überhaupt nicht aufgeregt - im Gegenteil. „Reiche spricht Klartext – und das ist gut so“, kommentiert Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger. Das sehe ich genauso. Es ist allerhöchste Zeit, die Weichen zu stellen für eine generationengerechte Rente! Und wir haben in Deutschland eine wirklich gute Chance, mit unseren drei Säulen ein zukunftsfähiges Rentensystem zu schaffen. Die erste Säule wird dabei nicht mehr als eine Grundsicherung liefern können, wenn wir die demographische Entwicklung nicht allein der jungen Generation aufbürden wollen. In der zweiten Säule ist bei konsequentem und verpflichtendem Ausbau die „Betriebsrente für jedermann“ möglich. Und in der dritten Säule lässt sich mit langfristigem Aktiensparen auch mit Kleinstbeträgen ein kleines Vermögen aufbauen.

Die intelligente Kombination aller drei Säulen macht den Unterschied! Liebe Politiker, nutzt endlich diese Chance!

Ich freue mich über Ihren Kommentar an leitwolfsview@lupusalpha.de.

 

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