Lupus alpha

GameStop und andere Kurshypes: Der Markt hat immer recht.

Kürzlich im Handelsblatt: „Die Reddit-Trader sind zurück“. Eine Warnung? Ausdruck von Empörung? Bringen uns vorwitzige Trader die Kurse durcheinander, gefährden sie die Aktie als langfristige Kapitalanlage? Ich denke: Wenn die Herde rennt, dann lasst sie – wir müssen nicht mitrennen. Wachsamkeit gegenüber jugendlich ungestümer Spekulation sollte sich der an Fundamentaldaten langfristig orientierte Investor aber dennoch bewahren.

Oliver Böttger, Partner, Senior Relationship Manager und Leiter Vertrieb Wholesale bei Lupus alpha

Kurskapriolen, wie wir sie in jüngerer Vergangenheit beim Videospiel-Einzelhändler GameStop, bei der Kinokette AMC und bei noch weit mehr Aktien erleben durften, wird es immer wieder geben. Warum? Weil die dahinterliegenden Trends weiter an Bedeutung gewinnen. Da ist die wachsende, junge und risikofreudige Kundschaft von Brokern wie Robinhood, TD Ameritrade oder Charles Schwab, die Privatanlegern den Aktienhandel zum Nulltarif ermöglichen. Und da sind Börsenforen wie „Wallstreetbets“ auf der Social-News-Plattform „reddit“, auf denen sich zunehmend mehr Trader über die aktuell heißesten Werte austauschen („heiße Kartoffeln“, so würde ich sie nennen).

Es gibt auch einen Namen für die betroffenen Aktien: „Meme Stocks“. Memes, das sind ursprünglich diese lustig animierten Bildchen, die sich übers Internet schnell verbreiten. Sie erinnern sich vielleicht, wie der Italiener Mario Balotelli sich bei der Fußball-EM 2012 nach seinem Tor gegen die deutsche Auswahl aufbäumte – das Bild wurde in etlichen Varianten zum Meme. Aktien werden zum Meme, wenn sie in Internetforen sehr oft erwähnt werden, was schließlich zu hohen Kursausschlägen führt.

Manipulation oder Spekulation?

Die Kurskapriolen haben unter professionellen Marktteilnehmern durchaus für Empörung gesorgt, gerade auch angesichts der Schwierigkeiten, in die diverse Hedgefonds mit Short-Positionen gekommen sind. Im US-Fernsehen ließ sich der Manager eines Finanzdaten-Anbieters zitieren mit den Worten „Dies ist nicht mehr der Aktienmarkt unserer Großeltern oder unserer Eltern. Die jungen Trader verdienen Geld mit Strategien, die kein erfahrener Investor gutheißen würde.“ Mit Verlaub, das ist dann doch etwas verklärend – zum einen, weil der Markt ungleich transparenter und der Privatanleger emanzipierter ist als früher. Zum anderen, weil auch mancher Hedgefonds heute weniger zimperlich in seiner Wahl der Mittel ist.

Die US-Börsenaufsicht SEC erklärte indes, sie werde die Vorgänge rund um diverse Meme Stocks untersuchen, denn es könnte manipulatives Trading vorliegen. Die Vermutung ist nachvollziehbar. Ich denke allerdings nicht, dass manipuliert wurde. Eher handelt es sich um eine extreme Form des Herdenverhaltens. Was die Trader bei Meme Stocks und deren Kurse antreibt, ist die Fear-of-Missing-Out, also die Angst, etwas zu verpassen. Sie mobilisiert eine große Zahl spekulativer Anleger zum Kauf einer bestimmten Aktie, was zu einem explosiven Anstieg ihres Kurses führt. So lange, bis die Stimmung wieder kippt und Panikverkäufe einsetzen. Das ist dumm und endet für viele Beteiligte unschön – aber gesetzeswidrig ist es nicht. Natürlich muss bewusste und irreführende Marktmanipulation, insbesondere aufgrund falscher Informationen oder in betrügerischer Absicht, verboten und verfolgt werden. Das schadet dem Markt und den Marktteilnehmern. Dagegen ist vom Momentum getriebene Spekulation legitim, die auf kurzfristige Bewegungen setzt, ohne die langfristigen Aussichten eines Werts zu berücksichtigen. Ob das Ganze langfristig auch erfolgreich ist, steht auf einem anderen Blatt.

Auch für uns ein Thema

Aber Moment, ich rede bisher nur über die USA – geht uns das in Deutschland überhaupt etwas an? Ja, geht es. Auch bei uns werben immer mehr Broker mit Null-Euro-Orders um private Trader, zuletzt „justTrade“, „Smartbroker“ oder auch „finanzen.net zero“. Aktien wie die von AMC zeigten auch auf deutschen Handelsplattformen außergewöhnlich hohe Handelsvolumina, und Börsenforen wie Wallstreetbets gewinnen in Deutschland an Beliebtheit. Vor diesem Hintergrund ist es nicht unwahrscheinlich, dass ein Meme-Stock-Hype auch einmal einen deutschen oder europäischen Small- oder Mid Cap treffen könnte. Kursübertreibungen aufgrund Trading-Verhaltens mögen irritieren und einige Marktteilnehmer stören, sie sind aber Teil des Spiels, ob wir nun wollen oder nicht. Von langfristig orientierten Investoren erfordern sie eine erhöhte Vorsicht und die Notwendigkeit, das Marktgeschehen noch genauer zu beobachten.

Kurshypes sind Episoden – mehr nicht

Da solche Marktphänomene immer auch das eigene Portfolio tangieren können, wäre es unklug, diese zu ignorieren. Investoren, die langfristig von der ökonomischen Stärke eines Unternehmen profitieren möchten, sollten derartige Verwerfungen aktiv nutzen und bei fundamentaler Überzeugung in Abwärtsbewegungen kaufen, sich in Übertreibungsphasen aber auch von Investments verabschieden, bis sie fundamental wieder attraktiv erscheinen. Letztendlich reguliert sich der Markt in beide Richtungen – mittel- bis langfristig hat er immer recht.

Momentum Trading mag Spaß machen und aufregend sein, ist aber keine strategische Kapitalanlage. Meme Stocks gefährden also keineswegs den langfristigen Vermögensaufbau in Aktien. Für langfristig orientierte Anleger sind derartige Kurshypes bei Einzelwerten Episoden, die zwar eine besondere Wachsamkeit erfordern, mehr aber auch nicht. Die zentrale Rolle der Aktie als Nukleus einer systematischen, langfristigen Vermögensanlage, die sich an der Profitabilität und den wirtschaftlichen Perspektiven von Unternehmen orientiert, bleibt davon unberührt. Wirklich gute Unternehmen belohnen ein langfristiges Investment mit langfristig überzeugenden Erträgen. Wirklich gute Fondsmanager finden solche Unternehmen. Und das ist gut für den langfristig orientierten Fondsanleger.

 

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